Engagement

Sozialarbeit auf Zeit


Mineralölkonzern BP: Wenn Führungskräfte sich um Behinderte oder Wohnungslose kümmern

Claudia Braun ist eine Frau, die zupackt. Die Pressesprecherin des Mineralölkonzerns BP Deutschland hat ihren Job durchorganisiert und den Arbeitsalltag im Griff. Doch mitunter gerät die 53-Jährige aus Bochum in Situationen, in denen sie mit Know-how und

Verstand nicht weiterkommt. Wenn es im Team knirscht oder Kollegen Probleme haben.

„Dann bin ich als Mensch gefragt. Mit meinem Einfühlungsvermögen!“, sagt sie. Und ihre Augen lächeln. Heute kann sie damit gut umgehen. Besser denn je.

Vor einigen Monaten hat die  BP-Mitarbeiterin eine Woche lang ihren Bürojob mit dem in einer Schule für geistig und körperlich behinderte Kinder getauscht. Sie hat mit den Kids gespielt, sie in den Arm genommen und gefüttert: Claudia Braun war „Sozialarbeiterin auf Zeit“, sie hat einen „SeitenWechsel“ gemacht.

Diesen Seitenwechsel bietet der BP-Konzern seinen Führungskräften an, damit sie einmal Erfahrungen in fremden Lebenswelten sammeln können – jenseits von Zahlen, Produktion und EDV. Damit sie dort Erfahrungen sammeln, wo Mitgefühl gefordert ist.

Hilfreicher Blick über Tellerand

Mehr als 50 Führungskräfte des Mineralöl-Konzerns haben dabei bisher mitgemacht, waren „Sozialarbeiter auf Zeit“. Unter ihnen auch der Vorstandsvorsitzende Uwe Franke. Und eben Claudia Braun. Sie zehrt noch heute von diesem Blick über den Tellerrand.

Rätselhaft und fremd erschien ihr zunächst vieles, was sie bei ihren Schützlingen in der Bochumer Christopherus-Schule erlebte. Da war der autistische Junge, der unbedingt ein Bild malen wollte, aber seine Hand nicht bewegen konnte. Braun musste seine Finger führen. „In dem Moment war ich verunsichert“, berichtet sie. „Mit seinen üblichen Verhaltensweisen kommt man da nicht viel weiter.

an ist auf einmal nur noch Mensch.“ Und dann war da das Mädchen mit Downsyndrom, das nur „Claudia!“ sagen konnte, wenn es noch einen Löffel Kartoffelpüree  wollte.  Braun:  „In  so einer Situation muss man mit etwas Gefühl ahnen, was sie möchte.“

Dass sie den Kindern Wärme geben und ihnen helfen konnte, macht die Pressesprecherin noch heute glücklich. Es hat ihr klar gemacht: Gefühle spielen im Alltag immer eine Rolle, auch wenn es nur darum geht, Aufgaben zu erledigen.

Mehr Gelassenheit im Job

Doch wofür ist dieses Engagement gut? Ist es bloß Wohltätigkeit? „Das auch, aber es geht um mehr“, sagt Claudia Braun. „Wer bei BP Verantwortung übernimmt, den unterstützen wir, sich menschlich weiterzubilden.“ Da hilft die Erfahrung mit Behinderten, Wohnungslosen oder Drogenabhängigen. Wer sie gemacht hat, der entwickelt ein neues Verständnis für Mitmenschen in schwierigen Situationen. Das bringt auch der Firma etwas.

„Seitenwechsler gehen oft anders mit Mitarbeitern im Team um, sie nehmen ihr Gegenüber besser wahr und achten nicht nur darauf, dass die Zahlen stimmen“, erklärt Maria Wrede, verantwortlich für den Seitenwechsel bei der Kölner Freiwilligen Agentur, die das Projekt in NRW leitet.

Wrede weiß, dass die Seitenwechsler Stress-Situationen anders angehen. „Sie reagieren ruhiger und gelassener.“

Auch die sozialen Einrichtungen profitieren vom Seitenwechsel. Gabriele Baumeister von der Christopherus-Schule: „Wir können unsere Arbeit bekanntmachen – und natürlich haben wir schon Spenden bekommen.“

Suska  Döpp

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