Alte Vorurteile – und was dahintersteckt

So steht es um die Chancen von Arbeiterkindern


Zwei aktuelle Studien attestieren Kindern aus Arbeiterfamilien schlechte Aufstiegsperspektiven: Im Bildungsbericht der Industriestaaten-Denkfabrik OECD wird kritisiert, dass nur 20 Prozent der jungen Leute einen höheren Abschluss als ihre Eltern schaffen. Und die Vodafone Stiftung stellt fest, dass Akademikerkinder mit einer sechsmal so hohen Wahrscheinlichkeit studieren als andere. Stimmen also die Vorurteile über die Chancen von Arbeiterkindern?

Information ist alles: An den Hochschulen werden Finanzierungswege aufgezeigt, wie hier in Hamburg. Foto: dpa

Vorurteil Nr. 1: Unis sind was für Reiche!

Mehr als ein Drittel der Schüler aus „bildungsfernen Elternhäusern“ hat zwar eine Studienberechtigung. Doch, so die Studie der Vodafone Stiftung: Nur die Hälfte der Arbeiterkinder, die könnten, streben ein Studium an. Bei den Akademikerkindern sind es 80 Prozent.

Scheitert es etwa am Geld? Auch ohne einen Euro kann man studieren, betont Katja Urbatsch, Gründerin der Initiative „Arbeiterkind.de“. Das ist eine Anlaufstelle für Leute, die als Erste in ihrer Familie zur Uni wollen.

Große Hürde ist fehlendes Selbstvertrauen

Auf die Betroffenen wirke aber abschreckend, dass man in Vorleistung gehen muss. Viele hätten sogar Ängste, Bafög zu beanspruchen (Höchstsatz: 648 Euro im Monat). „Wir müssen sie dann überzeugen“, so Urbatsch, „ein Studium als Investition zu sehen, die sich später auszahlt.“

Die größte Hürde sei häufig fehlendes Selbstvertrauen: „Irgendwer muss kommen und an einen glauben“, sagt Urbatsch, die selbst als Erste in ihrer Familie studiert hat.

Man kann sogar einen Hochschulabschluss machen und zugleich verdienen – zum Beispiel durch ein berufsbegleitendes Studium. Oder ein duales Studium, bei dem man gleichzeitig einen Ausbildungsabschluss erwirbt.

Und auch die Wirtschaft setzt sich ein. Deutsche Unternehmen unterstützen Studierende mit rund 1,5 Milliarden Euro im Jahr direkt – etwa mit Stipendium und Übernahme von Studiengebühren.

Gleiche Perspektiven: Im BMW-Werk Leipzig erklärt Enrico Horn einer Studentin und einem Azubi die CNC-Maschine. Foto: dpa

Vorurteil Nr. 2: Ausbildung ist schlechter als Studium!

Akademische und berufliche Ausbildung sind in Wahrheit gleichwertig. Das steht im „Deutschen Qualifikationsrahmen“ – kurz: DQR –, erarbeitet von Bund und Ländern.

Das Regelwerk teilt die Abschlüsse in Kompetenzstufen ein. Je schwieriger der Abschluss, desto besser die DQR-Stufe. Der Hauptschul-Abschluss entspricht Stufe zwei, eine zweijährige Ausbildung Stufe drei.
Sowohl der Hochschulabschluss Bachelor als auch der Meister stehen auf Stufe sechs.

Der gleiche Katalog gilt auch auf Europa-Ebene, dort heißt er EQR. So kann man in jedem EU-Staat erkennen, was ein Meister-Titel wert ist. Darüber habe es in den Nachbarstaaten bisher erhebliche Informationsdefizite gegeben, erklärt Andreas Pieper, Sprecher des Bundesinstituts für Berufsbildung: „Zumal viele Kompetenzen, die im Ausland über eine akademische Ausbildung erworben werden, in Deutschland über die berufliche Bildung vermittelt werden.“

Meister-Titel zahlt sich aus

Zudem gilt das deutsche System der dualen Berufsausbildung international als spitze. Pieper: „Vertreter aus dem inner- und außereuropäischen Ausland stehen vor unserer Tür Schlange, um sich darüber zu informieren.“

Was hierzulande als selbstverständlich gilt, ist woanders eine Besonderheit: Die Betriebe bilden ihren Nachwuchs selbst aus. Etwa 3.600 Euro pro Jahr und Azubi geben sie dafür netto aus. In fast allen anderen Ländern sind Schulen allein für die berufliche Bildung verantwortlich. Und bei uns ist die Jugendarbeitslosigkeit niedriger als anderswo – ein Zusammenhang, auf den Experten gerne verweisen, wie zum Beispiel der Deutsche Lehrerverband.

Der Meistertitel bringt sogar eine höhere „Bildungsrendite“ als ein Hochschulabschluss. Das hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) errechnet. Der Lohnverzicht in der Ausbildung zahlt sich später aus. Mit 8,3 Prozent im Jahr wird der entgangene Lohn später verzinst – bei einem Akademiker im Durchschnitt mit 7,5 Prozent.

Praktische Übungen: Pierre Hirtz (rechts) und René Treis bereiten sich in ihrer Hauptschule in Mülheim an der Ruhr auf eine Ausbildung vor. Foto: waz

Vorurteil Nr. 3: Die Hauptschule ist eine Sackgasse!

Für Hauptschul-Absolventen gibt es durchaus Ausbildungsplätze: 43 Prozent aller Unternehmen haben Lehrstellen für sie.

Aber was wird aus Jugendlichen, denen es an der Ausbildungsreife fehlt? Jeder vierte Ausbildungsbetrieb bietet schwächeren Hauptschulabsolventen Programme, die beim Start ins Arbeitsleben helfen.

Auch die Arbeitgeberverbände stellen eine Vielzahl von Förderprojekten auf die Beine. Ein Beispiel ist die Initiative „Zeig, was du kannst!“. Sie stärkt Jugendliche in ihrer persönlichen Entwicklung und verbessert ihre Ausbildungsfähigkeit.

Alle anderen Bildungswege stehen den Hauptschülern ebenfalls noch offen. Im sogenannten „zweiten Bildungsweg“ können sie jeden beliebigen Abschluss nachholen, zum Beispiel per Fern- oder Abendschule, und dann sogar noch ein Studium dranhängen.

Bafög auch für den zweiten Bildungsweg

Um das Abi nachzuholen – das hat übrigens auch Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder gemacht –, muss man mit einem Aufwand von 15 Stunden pro Woche rechnen.

Auch im zweiten Bildungsweg wird Bafög gezahlt. Die Förderung können neben Studenten grundsätzlich auch Schüler und Azubis beantragen.

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