Kraftakt Integration

So stark engagieren sich Flüchtlinge und Chemie-Betriebe für eine gemeinsame Zukunft

Mit Blick auf die Flüchtlingskrise wollen viele Chemie-Firmen Betroffene beruflich integrieren. Damer Simina aus Eritrea hat es geschafft – er ist Azubi bei Axalta in Wuppertal. Sein Ausbilder erzählt, welche Hürden zu meistern waren.

Passt gut: Damer Simina aus Eritrea mit Ausbilder Heiko Seute. Foto: Wirtz

Passt gut: Damer Simina aus Eritrea mit Ausbilder Heiko Seute. Foto: Wirtz

Angekommen: Mit Helm und Blaumann fühlt sich der Neuling wohl. Foto: Wirtz

Angekommen: Mit Helm und Blaumann fühlt sich der Neuling wohl. Foto: Wirtz

Kollegen: Simina mit den Azubis Fabian Arendt (links) und Florian Leckebusch. Foto: Wirtz

Kollegen: Simina mit den Azubis Fabian Arendt (links) und Florian Leckebusch. Foto: Wirtz

„Die Diakonie schickt uns passende Bewerber.“ Roland Somborn, Ausbildungsleiter von Axalta in Wuppertal. Foto: Wirtz

„Die Diakonie schickt uns passende Bewerber.“ Roland Somborn, Ausbildungsleiter von Axalta in Wuppertal. Foto: Wirtz

Wuppertal. Wer kennt Wörter wie „Gewindeschneiden“ oder „Lichtspaltverfahren“ in einer Fremdsprache? Damer Simina aus Eritrea gehen die Begriffe flüssig über die Lippen. Dabei büffelt er erst seit wenigen Monaten Deutsch: „Im Integrationskurs lernt man so was aber nicht“, sagt der junge Mann. Im September 2016 begann er eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer bei Axalta in Wuppertal.

Bürokratische Hürden überwinden

Er ist damit der erste Flüchtling bei dem Lackspezialisten, der in den Beruf startet. Zehn weitere absolvieren dort gerade einen Berufsvorbereitungskurs. Warum nicht noch mehr? Im Berichtsjahr 2016 erfasste das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 723.027 Asyl-Anträge – 70 Prozent mehr als im Vorjahr. „Es ist alles nicht so einfach“, erklärt Ausbildungsleiter Roland Somborn. Für jeden erfolgreichen Absolventen hat er einen Ausbildungsplatz oder eine andere berufliche Perspektive vorgesehen.

Als 2015 die Flüchtlingswelle Deutschland erreichte, erweiterte Somborn mit dem Segen der Geschäftsführung sofort das Programm „Start in den Beruf“. Und suchte nach geeigneten Kandidaten. Einzige Voraussetzung: geklärter Aufenthaltsstatus und Deutschkenntnisse. „Das war blauäugig“, seufzt Somborn. Denn es fand sich zunächst – niemand!

Jetzt arbeitet er mit der Diakonie vor Ort zusammen. Das klappt: „Die schicken uns passende Bewerber und bieten außerdem Sport- und Kulturkurse für unsere Teilnehmer an.“ Zudem muss Somborn mit seinem Team bürokratische Hürden überwinden und fehlende Krankenversicherungen besorgen. Oder die Arbeitszeiten ändern, damit jeder am verpflichtenden Integrationskurs teilnehmen kann.

Zu Axalta gefunden hat Simina über ein Praktikum. 2014 floh der damals 27-Jährige aus seiner Heimat vor einem menschenverachtenden politischen System. „In Deutschland gibt es Freiheit und Frieden, das ist wundervoll“, sagt er. Für die Ausbildung strengt er sich mächtig an. Ausbilder Heiko Seute ist stolz auf seinen Schützling: „Der schafft auch noch den Industriemechaniker und den Meister.“ Wie Axalta arbeiten viele Chemie- und Pharma-Unternehmen mit Hochdruck daran, Kapazitäten zur beruflichen Integration zu schaffen.

So investiert etwa der Automobilzulieferer Continental aus Hannover einen Millionenbetrag und bietet Auswahltests in Arabisch und Persisch, um das grundsätzliche Können eines Bewerbers zu erkennen.

Sprachliche Vorbildung ist wichtig

„Ein Viertel der Teilnehmer zeigt ausreichende Fähigkeiten“, sagt Steffen Brinkmann, verantwortlich für den Personalbereich Continental in Deutschland. Diese Kandidaten können zur Einstiegsqualifizierung und bei guten Leistungen eine Ausbildung beginnen. 40 Plätze sind vergeben, 10 noch zu haben.

„Wer davon träumt, dass nach einem Jahr Hunderttausende schon in Beschäftigung sind, kennt die Zusammenhänge nicht“, stellt Gerhard Braun klar, Vizepräsident des Arbeitgeber-Dachverbands BDA. Die Integration werde einige Zeit in Anspruch nehmen. Denn Flüchtlinge kämen leichter in Berufen unter, in denen Sprachkenntnisse und berufliche Vorbildung weniger wichtig seien: Als „Dachdecker und Maurer“ brauche man nicht so gut Deutsch sprechen zu können wie in der Chemie.


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aktualisiert am 15.12.2017

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