Mama vom Dienst – ein Ausnahme-Job

So machen die Profis der SOS-Kinderdörfer Jungen und Mädchen fit fürs Leben


Lüdenscheid. Carmen Zullino führt ein Doppelleben. Privat wohnt sie alleine in einer 50-Quadratmeter- Wohnung in Siegen. Beruflich lebt sie im Sauerland auf 200 Quadratmetern mit Garten – und hat sechs kleine Kinder.

Die 40-Jährige arbeitet als Mutter im SOS-Kinderdorf in Lüdenscheid. Mama von Beruf, mit einer Vollzeit-Stelle und fünf Wochen Urlaub im Jahr.

Das Business Familienmanagement: Bundesweit wachsen rund 135.000 Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern auf. Gründe sind Gewalt, Missbrauch, Verwahrlosung, Tod der Eltern. In den 16 SOS-Kinderdörfern, über Deutschland verteilt, wohnen zurzeit 670 Jungen und Mädchen. Profis wie Carmen Zullino bereiten sie dort aufs Erwachsenenleben vor.

Kein Ersatz für die leibliche Mutter

Die gelernte Erzieherin ist eine von rund 100 hauptberuflichen Müttern und Vätern, die für den Verein SOS-Kinderdorf in Deutschland arbeiten. „Es geht nicht darum, die leiblichen Eltern zu ersetzen“, sagt Zullino. Dass trotz aller Schwierigkeiten Kontakt zu den Herkunfsfamilien besteht, ist hier sehr wichtig. „Ich bin die Mutter des Alltags und versuche, die Kinder so gut wie möglich zu begleiten.“

Was eine solche Begleitung bringt, kann Nikola erzählen. Die 18-Jährige ist hier im Kinderdorf aufgewachsen und macht gerade ihr Fachabitur. „Dann will ich studieren. Entweder Biologie oder Psychologie.“ Mittlerweile wohnt sie in einer WG. Und sie kann immer auf die Unterstützung der Kinderdorf-Mitarbeiter zählen, etwa bei Behördengängen oder der Suche nach einem Studienplatz.

Carmen Zullinos Kinder, zwei Jungen und vier Mädchen zwischen fünf und elf Jahren, haben diesen Weg noch vor sich. Auf den ersten Blick macht die Erzieherin nichts anderes als leibliche Eltern auch, um ihre Kinder zu fördern: Vokabeln lernen, spielen, vorlesen und einen geregelten Alltag vorleben. Dabei hilft ihr täglich eine von zwei weiteren pädagogischen Fachkräften, die sie auch vertreten, wenn Zullino ihre freien Tage oder ihren Urlaub nimmt.

Auf den zweiten Blick steckt hinter einem scheinbar reibungslosen Tagesablauf ein akribisch geführter Kalender: ein Kindergeburtstag hier, ein Elternsprechtag da, ein Schulausflug hier, eine Reitstunde da. Und, und, und ...

Dazu kommt noch die fachliche Arbeit wie Teamsitzungen, Supervisionen und Dokumentationen. Zeit, die man nicht direkt mit den Kindern verbringt. „Das habe ich anfangs unterschätzt“, so Zullino. Dass Privat- und Berufsleben derart ineinandergreifen, stört sie aber nicht. Doch Doris Friedrichs von der Personalabteilung in der SOS-Kinderdorf-Zentrale in München weiß: „Für viele ist das erst mal eine sehr große Umstellung.“ Nicht alle, die sich zur Kinderdorf-Mutter ausbilden lassen, halten durch.

Jugendlichen beim Berufseinstieg helfen

Bundesweit bewerben sich jährlich rund 600 Interessenten. Eingestellt werden gerade mal 15 bis 20. „Die meisten haben keine Vorstellung, wie anspruchsvoll die Arbeit ist“, so Friedrichs. „Man braucht auch viel Idealismus und einen langen Atem.“ Carmen Zullino hat die richtige Entscheidung getroffen. „Ich weiß, dass ich belastbar bin.“ Das muss sie auch sein. Denn ihre Aufgabe ist es ja nicht „nur“, Kinder zu erziehen, sondern auch den Haushalt zu schmeißen: waschen, kochen, putzen.

Und das sollen die jungen Kinderdorfbewohner schließlich lernen. „Verselbstständigungsprozess“ nennen das die Pädagogen. „Und der beginnt in den SOS-Kinderdörfern meist schon mit 16 Jahren“, sagt Stefan Weisheit, Bereichsleiter des SOS-Kinderdorfs im Sauerland.

Für Jugendliche gibt es hier vier Appartements. „Wir unterstützen sie bei alltäglichen Aufgaben“, so Weisheit. Aber auch beim Berufseinstieg sind die Mitarbeiter den Jugendlichen behilflich. „Hier können sie lernen, wie man eine Bewerbung schreibt oder wo sie eine gute Beratung bekommen“, sagt er.

Außerdem betreibt der Träger der Dörfer fünf Berufsbildungszentren – in Berlin, Detmold und Nürnberg, Kleve und Saarbrücken. Die dortigen Berater arbeiten eng mit den Unternehmen in der näheren Umgebung und mit den regionalen Arbeitsagenturen zusammen. Rund 1.900 Jugendliche werden dort betreut, auch solche, die nicht in einem SOS-Kinderdorf aufgewachsen sind.

Und die Kleineren? In Lüdenscheid steht ihnen unter anderem der Werkraum zur Verfügung. Dort können sie ausprobieren, was ihnen Spaß macht.

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