Alternsgerechte Arbeitsplätze – am Beispiel von BMW

So lässt sich Industrieproduktion gestalten, damit Jung und Alt dauerhaft Leistung bringen


Dingolfing. Das tut gut: am Arbeitsplatz mal so richtig dehnen und den Rücken entlasten! Josef Kronschnabl (56) macht gern die Übungen mit, die ihm die Physiotherapeutin Daniela Arndt zeigt. „Je fitter ich heute bin“, sagt der Kfz-Mechaniker in der Achsgetriebefertigung von BMW, „desto besser geht’s mir auch später im Ruhestand.“

Die Chancen stehen gut. Denn an Kronschnabls Arbeitsplatz, in Halle 60.2 des niederbayerischen Werks Dingolfing, hat sich ganz schön viel verändert.

Der Münchner Automobil-Konzern investiert seit Jahren intensiv in die Gesundheit seiner Mitarbeiter – so wie viele andere Industriebetriebe, die auf den demografischen Wandel und alternde Belegschaften reagieren.

Schwerer als zehn Kilogramm ist so ein Achsgetriebe. „Mehrere Hundert Mal pro Schicht musste ich solche Teile jahrelang hochheben“, erzählt Kronschnabl. „Inzwischen macht das ein Roboter.“ Kronschnabl bestückt und überwacht die Anlage.

Die ergonomisch ausgetüftelte Ausstattung erleichtert ihm und seinen 23 Kollegen die Arbeit an dieser Montagelinie. Vor zwei Jahren ging sie in Betrieb. Sie war die erste größere neugebaute Anlage im gesamten Unternehmen mit alternsgerechten Arbeitsplätzen von Anfang an: unter anderem mit höhenverstellbarer Einrichtung und einer Mischung aus Geh-, Steh- und Sitzarbeitsplätzen.

Das Ziel: Die Beschäftigten sollen, auch wenn Fabrikarbeit nun mal körperlich anstrengend ist, dauerhaft ihre Leistung bringen können. „Wir setzen schon bei unseren jüngsten Mitarbeitern an – auch sie sollen gesund alt werden können“, betont Sabine Zelch. Sie ist die Projektleiterin von „Heute für morgen“ im Dingolfinger Komponentenwerk für Fahrwerks- und Antriebsteile.

„Früher war der Weg für den Arm weiter – ich bin jetzt nach der Arbeit entspannter“

So heißt das 2004 gestartete Programm, das im gesamten BMW-Konzern läuft. Es basiert auf zwei Säulen: Der Arbeitgeber kümmert sich um Ergonomie und Arbeitsgestaltung – und er ermuntert die Beschäftigten, sich gesund zu ernähren und viel zu bewegen.

„Ich bin nach der Arbeit entspannter als früher“, berichtet Anlagenführer Daniel Baumgartner (34). Das liegt nicht zuletzt daran, dass er an der Montage­linie einen guten Stand hat: auf einem schwingenden Holzboden, in bequemen Spezialschuhen. „Auch zum Ende der Schicht hin tun die Füße nicht mehr weh“, sagt Baumgartner, der eine Maschine mit Lagern für Getriebe bestückt. „Früher war die Maschine tiefer, der Weg für den Arm weiter.“ Jetzt kann er alles leicht erreichen, ohne sich strecken zu müssen.

BMW macht’s nicht nur am Arbeitsplatz möglich, fit zu bleiben. In Halle 60.2 gibt es einen Raum mit leuchtend gelben und grünen Wänden: Dort kann man sich in der Pause einfach mal hängen lassen – an der Sprossenwand.

Oder auf einer Liege lang machen und ausruhen. „Wer schon einmal Probleme mit Schulter oder Bandscheiben hatte, ist schnell von den Übungen zu überzeugen“, sagt Physiotherapeutin Arndt. Im Angebot hat sie auch Kurse – von Yoga bis Kick­boxen.

„Die Gewohnheiten verändern“: Interview mit Heinz Brunner, Chef des Dingolfinger BMW-Komponentenwerks

Heinz Brunner, Chef des Dingolfinger Komponentenwerks von BMW. Foto: Roth

Letztlich ist jeder für sich selbst verantwortlich, betont Heinz Brunner, Chef des Dingolfinger Komponentenwerks, zu dem die Getriebefertigung gehört.

Wie weit ist BMW mit der „alternsgerechten“ Arbeit?

Mittlerweile profitieren davon mehr als 10.000 der weltweit über 100.000 Mitarbeiter im Konzern. Und der Ausbau geht weiter.

Machen auch alle mit, wenn es um gesunde Ernährung und Bewegung geht?

Es dauert natürlich, die Gewohnheiten zu verändern. Wir informieren viel über diese Themen und machen die passenden Angebote. Letztlich muss aber jeder selbst verstehen, dass er für seine Gesundheit und Fitness verantwortlich ist und etwas dafür tun kann.

Gehen Sie als Chef mit gutem Beispiel voran?

Ich trainiere regelmäßig zwei- bis dreimal in der Woche in einem unserer firmeneigenen Fitness-Studios, meistens in Dingolfing oder in München. Außerdem machen wir Führungskräfte einmal in der Woche in unserer Runde gemeinsam Ausgleichsübungen.

Und Ihre Ernährung?

Meine Frau ist Apothekerin und achtet sehr auf gesundes Essen. Vor allem dürfen es nicht zu viele Kalorien und nicht zu viel Fleisch sein.

Video: Fit in der Fabrik

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Hintergrund: Die Alterung der Belegschaften

  • Im größten Industriezweig, der Metall- und Elektro-Industrie, stieg das Durchschnittsalter der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 2001 bis 2011 von 38 auf 42 Jahre, so die Daten der Bundesagentur für Arbeit.
  • Der Anteil der über 55-Jährigen stieg von 10 auf 15 Prozent. Die Zahl derer ab 60 verdoppelte sich – auf 173.000.
  • Die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen stieg im gleichen Zeitraum von 43 auf 64 Prozent. Damit kommen wir in der jüngsten Übersicht der Industriestaaten-Organisation OECD auf Platz 9 von 36 untersuchten Ländern.

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