Linde ist Vorreiter einer neuen Technologie

So funktioniert die ferngesteuerte Fabrik


Leuna. Alexej Frey arbeitet gleichzeitig in Basel, Hamburg, Herne und Salzgitter. Er selbst sitzt in Leuna, im Remote Operations Center (ROC) des Industriegase-Produzenten Linde. Aber wenn er in Sachsen-Anhalt seine Tastaturen bedient, wirkt sich das in Luftzerlegungsanlagen aus, die Hunderte Kilometer entfernt liegen – mit wenigen Millisekunden Verzögerung.

Ob ferngesteuerte Luftzerleger, führerlose U-Bahnen oder Kläranlagen – der Trend in der Industrie geht zur Fernbedienung. Für Professor Ulrich Jumar, Leiter des Instituts für Automation und Kommunikation an der Universität Magdeburg, liegen die Vorteile auf der Hand: „Heute erlaubt die Kommunikationstechnik den sicheren Zugriff in Echtzeit auf die Prozessleittechnik.“ Dennoch bleibt aus Sicherheitsgründen die Möglichkeit, jederzeit vor Ort einzugreifen.

Jumar erklärt: „Mittels Internet oder Wireless-Verbindung wird die Reichweite des Bedieners in der Prozessleittechnik verlängert.“ Ob er auf dem Werkgelände säße oder mehr als 600 Kilometer entfernt, sei gleichgültig, wenn die Datensicherheit und die Übertragung der Befehle in Echtzeit gewährleistet sind.

Anlagen in vielen europäischen Ländern

Für Fernbedienung spreche auch, dass es heute nicht mehr notwendig sei, spezielle Rechner für die Prozessleittechnik zu nutzen. „Man kann dafür etablierte, angepasste Informationstechnologie verwenden“, so der Professor. Dies mache Lösungen für die Steuerung einfacher und preiswerter.

Die Herausforderung für die Unternehmen: Sie müssen die Langlebigkeit und Innovationsfähigkeit solcher Systeme sicherstellen. „Sonst ist der Kostenvorteil schnell dahin“, so Jumar.

Bei Linde hat man mehr als 5 Millionen Euro in die Fernsteuerung der Anlagen investiert. Zurzeit bedient ein Team von 37 Mitarbeitern 10 große Luftzerlegungsanlagen und etwa 45 kleinere. In den nächsten Jahren werden viele weitere hinzukommen.

Was das bringt, erklärt ROC-Manager Joachim Pretz: „geringere Kosten und eine straffere Organisation“. Linde betreibt Luftzerleger quer durch Europa. Das Verfahren ist im Prinzip überall gleich, doch über die Jahre haben sich unterschiedliche Abläufe und Strukturen entwickelt. Pretz: „Diese Prozesse vereinheitlichen und optimieren wir mit der Zentrale.“

Rufbereitschaft bleibt vor Ort

Kosteneinsparungen erhofft sich Linde vom sinkenden Energieverbrauch. Die Zerlegung von Luft in Stickstoff, Sauerstoff und Edelgase ist zwar ein etabliertes, dennoch energieintensives Verfahren. Doch das Fahren der Anlagen von einer zentralen Stelle nach gleichen Vorgaben soll, so der Plan, etwa 1 Prozent weniger Energie verbrauchen. Bei einer Stromrechnung von mehreren Hundert Millionen Euro im Jahr sind die Einsparungen bereits beträchtlich.

Apropos sparen: Arbeitsplätze fallen kaum weg. An großen Standorten behalten Mitarbeiter ihr Schichtsystem, vor allem zur Wartung und Instandhaltung. Kleinere Standorte haben außerhalb der Geschäftszeit eine Rufbereitschaft, um innerhalb kurzer Zeit vor Ort nach dem Rechten sehen zu können.

Wenn Operatoren an einem Standort nicht mehr gebraucht werden, bekommen sie Jobs in der Zentrale angeboten – wie Alexej Frey, der aus Hamburg nach Leuna kam. „Mich hat die Herausforderung gereizt“, sagt der 36-Jährige, „gleichzeitig mehrere Anlagen zu steuern.“

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