Entwicklung

So fertigen Handwerker beim Hersteller Pirelli Prototypen für Autoreifen


Breuberg im Odenwald. Ran an die „Glatze“! So nennt Ali Toptas (48) den spiegelglatten Gummireifen, in den er mit dem Heizmesser, genau nach Zeichnung, seine Schnitte macht. Neben ihm ist Kollege Helmut Kohlbacher (53) am Werk und arbeitet in seinen Reifen eine lange, schnurgerade Rille.

Was ist denn hier los? Hat da ein betuchter Kunde Spezialschlappen für seine Edelkarosse geordert? Nein, von der Arbeit dieser beiden Filigrantechniker kann jeder profitieren. Toptas und Kohlbacher sind Reifenschneider bei Pirelli. In Breuberg im Odenwald bringen sie den neuesten Prototyp eines Winterreifens in Form.

Später werden Testfahrer die Eigenschaften des neuen Modells ausgiebig prüfen. Nicht nur im Profil steckt viel Entwicklungsaufwand, auch im Material: Es ist eine ganz neue Gummi-Mischung.

Komplett per Hand übertragen die Reifenschneider das vorgegebene Profil auf den Slick. Maschinell geht das nicht. „Es wäre viel zu teuer und langwierig, für jede Neuentwicklung erst eine eigene Vulkanisierform zu fertigen“, erklärt Toptas sein Handwerk, in dem er schon 20 Jahre Erfahrung mitbringt.

Die Arbeit erfordert ausgeprägtes räumliches Denken – und Geduld: Vier Tage und 70 verschiedene Messerschneiden benötigt ein Fachmann, um das Profil herauszuarbeiten. Dabei muss jeder Radius exakt stimmen, jeder Winkel, jede Profiltiefe. Abweichungen von Zehntelmillimetern sind schon Fehler. „Deshalb ist sorgfältige Vorbereitung nötig“, erklärt Toptas.

Natürlich formen die beiden ihre Messerschneiden selbst. Und sie trainieren: An Gummiplatten probieren sie aus, wie sie schneiden können und wie das neue Material reagiert. „Es geht zum Beispiel darum, wie schnell ich das Messer führen darf“, erläutert Kohlbacher, der seit acht Jahren diese Arbeit macht. „Oder welche Stelle beim Schnitt die beste ist. Oder wie ich u- oder v-förmige Abschnitte gut in den Gummi bekomme.“

Natürlich kommt das Können nicht von ungefähr. Toptas ist gelernter und versierter Maschinenschlosser – und Kohlbacher lernte als Kfz-Mechaniker und Monteur in der Reifen-Montage, seine Hände geschickt einzusetzen. Der Job bedeutet nicht nur Werkstatt-Luft: Oft ist das Schnitzer-Team vor Ort bei den Reifentests dabei, um die Erkenntnisse der Fahrer und Ingenieure unmittelbar mitzubekommen.

Firmen-Steckbrief

Pirelli im Odenwald

  • Seit 1963 ist der italienische Hersteller Pirelli im Breuberger Reifenwerk im Odenwald engagiert. Das beschäftigt aktuell 2.300 Mitarbeiter und ist nach Firmenangaben das produktivste im gesamten Konzern. „In den letzten zehn Jahren wurden hier über 300 Millionen Euro investiert“, berichtet Standort-Geschäftsführer ­Michael Schwöbel.
  • In diesem Jahr hat man hier mit einem „Tag der offenen Tür“ (35.000 Besucher!) ein Doppel-Jubiläum gefeiert: 110 Jahre Kautschuk-Standort und 50 Jahre Pirelli-Einstieg.

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