Weiterbildung

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<b>Ungelernte Kräfte werden zu Facharbeitern: Beispiel Infineon</b>

Warstein. „Nebengruppenelemente sind immer Metalle und besitzen zwei Valenzelektronen.“ Dieser Satz an der Tafel ist typisch für das Wissen, um das es hier geht. 20 Männer und Frauen wollen lernen, was eigentlich in Bauteilen passiert, die sie selbst tagtäglich in Warstein herstellen: bei Infineon Technologies und Infineon Technologies Bipolar (zusammen 1.700 Beschäftigte).

Das Besondere an dieser Ausbildung: Alle Schüler, einige schon ergraut, sind un- oder angelernte Kräfte.

Berufsbegleitend büffeln

Sie hatten also keine Berufsausbildung oder waren lange raus aus ihrem Job. Jetzt aber schaffen sie sich eine neue Basis: mit dem IHK-Abschluss „Mikrotechnologe“, den sie nach eineinhalb Jahren berufsbegleitenden Büffelns in der Tasche haben können.

„Der Anspruch an die Fähigkeiten der Mitarbeiter wächst ständig“, erklärt David Greiwe, verantwortlich für Weiterbildung bei Infineon Technologies. „Und in unserer Fertigung gibt es einen nicht unerheblichen Anteil von An- und Ungelernten.“ Dass die nun dazulernen, ist auch für den Betrieb wichtig: Im nordrhein-westfälischen Städtchen Warstein sind Fachkräfte nicht einfach aufzutreiben.

Infineon organisierte also die Fortbildung – zusammen mit Partnern wie der TraQ (Transfer und Qualifizierung Hellweg-Sauerland), an der der regionale Unternehmensverband ebenso beteiligt ist wie die IG Metall. Die Arbeitsagentur fördert das Programm.

Die Lernwilligen selbst müssen nichts bezahlen. Eine Woche pro Monat verbringen sie im Unterricht. Außerdem ist Einsatz nach Feierabend gefragt, etwa auf einer speziellen Lern-Plattform am heimischen PC. Dass viele diese Herausforderung annehmen, freut Greiwe: „Der bisher älteste Teilnehmer ist 1954 geboren!“

Potenzial erschließen

Damit macht Infineon es genau richtig, lobt Gabriele Sons, Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. „Der Anteil der einfachen Tätigkeiten in unseren Betrieben ist von rund 40 Prozent in den 1970er-Jahren auf 20 Prozent gesunken“, erklärt sie, „und diese Entwicklung wird weitergehen. Aber: Zu dem Potenzial, das wir jetzt zur Deckung des Fachkräftebedarfs erschließen müssen, gehören auch die an- und ungelernten Mitarbeiter.

Zum Beispiel Astrid Mestermann (43), die nun Mikrotechnologin werden will. Ehemals Krankenschwester, dann lange Hausfrau und Mutter. Als ihre Jüngste aus dem Gröbsten heraus war, wollte sie nicht zurück in die Krankenpflege. Die TraQ vermittelte sie als Zeitarbeiterin an Infineon Technologies Bipolar – inzwischen hat der Betrieb sie übernommen.

„Da gibt es noch viel Handarbeit“, so Mestermann, „aber der Bereich wird nach und nach automatisiert. Deshalb hat mich mein Schichtleiter gefragt, ob diese Qualifizierung was für mich wäre.“ Trotz Skepsis der Kinder („Mama, warum tust du dir das an?“) sagte sie zu – und will in einem Jahr den Facharbeiter-Brief in der Tasche haben.

Ebenso wie Dirk Kaiser (33), der eine abgebrochene Lehre im Lebenslauf stehen hat. Über die TraQ kam er zu Infineon Technologies, hörte dort durch Kollegen von der Fortbildung: „Das war der Reiz, mich selbst zu testen.“ Auch er hat nun eine feste Stelle.

Dass Leute wie Mestermann und Kaiser es noch mal wissen wollen, freut auch den Mann, der vorne an der Tafel steht: „Die sind motivierter als so mancher jugendliche Azubi“, sagt Dozent Jörg Müller. Er sagt es leise – denn die 20 teils ergrauten Köpfe beugen sich wieder über die Tabelle der chemischen Elemente

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