Tarifrunde 2010

Sichere Jobs gehen vor


Gewerkschaft nennt ihre Forderungen - Arbeitgeber: Lage weiter kritisch

Morgen für Morgen die gleichen Handgriffe: Spind öffnen, Overall oder Kittel anziehen, in die Sicherheitsschuhe schlüpfen, Helm aufsetzen, Schutzbrille einstecken – es ist Routine, nervige Routine. In wirtschaftlich schlechten Zeiten hat diese Routine aber auch eine beruhigende Wirkung. Denn sie zeigt: „Du hast noch einen Job!“

Wirtschaftskrise hat Folgen

Für die meisten Chemie-Beschäftigten gilt das auch ein Jahr nach Beginn der Krise. In der Metall- und Elektro-Industrie dagegen sind Zehntausende Stellen weggebrochen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise zeigt Folgen. Sie werden die Tarifrunden 2010 bestimmen – auch in der Chemie. Die Gewerkschaft IG BCE fordert deshalb vor allem „Arbeitsplätze erhalten!“. Die Forderungen „konstant ausbilden“ und nach mehr Entgelt nennt der Hauptvorstand auf Platz zwei und drei seiner Empfehlung.

Auch die Arbeitgeber wollen die Belegschaften halten. Sie sehen wettbewerbsfähige Unternehmen als beste Garanten für sichere Jobs. Und die Lage nach wie vor kritisch: „Wir befinden uns noch meilenweit unter Vorkrisenniveau“, sagt Hans Paul Frey, Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC). „Bis wir nur annähernd einen zufriedenstellenden Level bei der Produktion erreichen, wird es noch lange dauern.“

Genug Stoff für packende Debatten

Damit sind die Grundthemen der nächsten Tarifrunde für die 550.000 Beschäftigten in rund 1.900 Unternehmen vorgegeben. So nah beieinander die Tarifpartner der Chemie auf den ersten Blick sein mögen – es gibt genug Stoff für packende Debatten in der Tarifrunde.

Beispiel Arbeitsplätze: Dank Kurzarbeit und Öffnungsklauseln im Tarifvertrag beträgt das Minus lediglich 2 Prozent. „Dabei soll es nach Möglichkeit bleiben“, fordert Peter Hausmann, der Tarifexperte der Chemiegewerkschaft. Ziel müsse sein, Entlassungen zu vermeiden und die Arbeitnehmer zu halten.

Die Arbeitgeber stehen da­zu. Sie sagen aber auch ganz deutlich: „Einen Vollkasko-Schutz gegen Entlassungen kann es nicht geben.“ Denn etwa 10 Prozent beträgt das Minus bei der Produktion in diesem Jahr, erklärt Frey. Die Belegschaften aber blieben weitgehend stabil. Dadurch schießen die Lohnstückkosten mit zweistelligen Prozentraten in die Höhe – nicht gut für die Unternehmen im weltweiten Wettbewerb.

Als „Belastung“ empfinden die Firmen auch das brancheneigene „Sahnehäubchen“ aufs Kurzarbeitergeld. Sie stocken es auf 90 Prozent des normalen Entgelts auf. Und das für so viele Kurzarbeiter wie lange nicht. „Diese Regelung bedarf der Überprüfung“, fordert Frey.

Beispiel Ausbildung: Bisher hat die Branche das im Tarifvertrag vereinbarte Ziel – 8.400 Azubi-Plätze pro Jahr in Westdeutschland – stets übertroffen. „In der Krise fällt es den Unternehmen immer schwerer, die hohen Zahlen zu halten“, schildert Frey. Die Gewerkschaft will ein stabiles Niveau: „Wir können nicht ganze Jahrgänge aufs Abstellgleis schieben“, argumentiert sie. Hier wird die Kreativität der Tarifpartner gefordert sein.

Beispiel Entgelt: Zwar stiegen die Entgelte im Frühjahr noch um 3,3 Prozent. Doch die Beschäftigten haben in der Krise „viele Opfer“ gebracht, argumentiert Hausmann. Deshalb dürften sie jetzt „nicht völlig leer“ ausgehen: „Eine Nullrunde wird es mit uns nicht geben.“

Durch die Krise habe die „Wettbewerbsposition stark gelitten“, hält Frey dagegen und führt die gestiegenen Lohnstückkosten an: „In dieser Situation sehen wir keinerlei Spielraum für Entgeltsteigerungen.“ – Die Tarifrunde verspricht spannend zu werden.

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