Fachkräfte-Nachwuchs

Sich reinschrauben in die Arbeitswelt


Ausbildung auch für Leute mit Handicap: Das Beispiel Annastift

Hannover. Auf den ersten Blick sieht es aus wie in einem ganz normalen Betrieb: Metallspäne liegen auf dem Boden, es riecht nach Schmieröl, weiter hinten im Raum ertönt das Geräusch einer Fräsmaschine.

Junge Männer und Frauen mit Blaumännern und Schutzbrillen bohren, feilen und lassen sich von den geschulten Blicken ihres Ausbilders nicht aus der Ruhe bringen. Die Handgriffe sitzen.

Dass die Auszubildenden der Metallwerkstatt mit einer Behinderung leben, sieht man ihnen nicht an. Man hört es auch nicht, wenn sie reden, lachen. Und dennoch: Einen Beruf zu lernen, fiele ihnen schwer ohne spezielle Förderung – wie sie sie hier erhalten, im Berufsbildungswerk des Annastifts in Hannover.

Zusammenarbeit mit Industrie ist essenziell

Die gemeinnützige Gesellschaft „Annastift Leben und Lernen“ bietet jungen Menschen mit körperlich-motorischen, psychischen oder Lernbehinderungen ein breit gefächertes Netzwerk von Wohn-, Betreuungs- und Bildungsangeboten. Seit 1976 gehört zu diesem Netzwerk auch das Berufsbildungswerk. Jungen Frauen und Männern mit Handicap wird hier eine zukunfts- und praxisorientierte Ausbildung geboten.

330 Azubis erlernen mehr als 30 unterschiedliche Berufe, 70 weitere werden in speziellen Kursen auf ihre Ausbildung vorbereitet. Das Spektrum reicht von der Köchin bis zur technischen Produktdesignerin, vom Industriemechaniker bis zum Maßschneider. 50 Ausbilder sorgen dafür, dass jeder Einzelne seinen Bedürfnissen entsprechend gefördert wird: Individuelle Stärken werden gefunden, Defizite ausgeglichen.

Jährlich verlassen rund 100 junge Fachkräfte nach erfolgreicher Ausbildung die Einrichtung. Für dessen Leiter Peter Elson ist es das große Anliegen, sie wirklich nachhaltig in die Berufswelt zu integrieren. Im Rahmen der sogenannten verzahnten Ausbildung vermittelt er immerhin schon 20 Prozent seiner Lehrlinge an Betriebe, in denen sie bis zu zwölf Monate ihrer Ausbildungszeit verbringen. „Die Azubis müssen sich in die Arbeitswelt reinschrauben“, formuliert es Elson. „Das gelingt am besten durch Praxis.“

Das Berufsbildungswerk selbst ist ein reiner Ausbildungsbetrieb, kann seine Azubis also nach der Lehre nicht übernehmen. Die frühzeitige Zusammenarbeit mit Indus­trie und Wirtschaft ist deshalb essenziell. „Zumal die jungen Leute ja auch lernen müssen, sich in der Struktur eines Unternehmens zu sozialisieren“, betont Elson.

Schon 70 Firmen der Region ziehen mit

Das zwölfmonatige Praktikum ist eine ideale Möglichkeit, den Boden für eine Anschlussbeschäftigung zu bereiten. „Die Betriebe kennen die Auszubildenden schon“, erklärt Elson, „und können deren Talente richtig einschätzen.“

Rund 70 Firmen aus der ­Region Hannover kooperieren bereits mit der Einrichtung.

Elson: „Die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft wollen wir gern ausbauen.“

Wiebke Westphal

 

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