Umfrage-Ergebnis

Selbstbewusste Mitarbeiter


Familienfreundlichkeit wird immer stärker eingefordert

Frankfurt/Köln. Der Mitarbeiter möchte, er bittet, er drängt – und die Chefetage ist durchaus nicht abgeneigt. Den Abteilungsleiter kümmert das aber nicht – und von Personalabteilung und Betriebsrat hat der Mann an der Maschine kaum Hilfe zu erwarten. Das ist, etwas zugespitzt, vielerorts Stand der Dinge, wenn es um die Vereinbarkeit von Job und Privatleben geht. Gezeigt hat das die große Online-Umfrage  Firma & Familie, deren Ergebnisse jetzt vorliegen.

Im Auftrag der hessischen Wirtschaft hatten die „Frankfurter Rundschau“ und die Wirtschaftszeitung AKTIV die Leser aufgefordert, ihre Erfahrungen anonym zu Protokoll zu geben. Fast 900 Datensätze konnten schließlich ausgewertet werden, einige ergänzt durch sehr persönliche Kommentare. Die Teilnehmer arbeiten zu etwa gleichen Teilen in der Indus-trie, bei Dienstleistern und im öffentlichen Dienst.

Mehr Väter in Elternzeit

Manches Ergebnis war zu erwarten – zum Beispiel, dass sich mehr Männer eine Babypause gönnen: 40 Prozent der Teilnehmer bejahten, dass „inzwischen mehr Väter im Unternehmen in Elternzeit gehen“.

 

Das ist der auffälligste Beleg für einen Trend, den die Firmen nicht verschlafen dürfen: „Das Selbstbewusstsein der Arbeitnehmer in Sachen Familienfreundlichkeit ist gestiegen“, sagt Judith Kohn von der Kölner IGS Organisationsberatung, für die die Umfrage nicht die erste zum Thema war. Fast die Hälfte der Teilnehmer gab denn auch an, familienfreundliche Maßnahmen zuletzt „verstärkt“ eingefordert zu haben.

Wie ernst es vielen damit ist, zeigt sich daran, dass knapp zwei Drittel der Teilnehmer zum Beispiel schon Stelle oder  Firma gewechselt haben, um Job und Familie besser unter einen Hut bringen zu können.

Ein eher schlechtes Zeugnis stellt  die  Umfrage  dem  direk­ten Vorgesetzten aus. 44 Prozent der Teilnehmer bemängeln, er habe zu dem ganzen Thema noch nie „klar Stellung bezogen“.

Handlungsbedarf erkannt

61 Prozent konstatieren ein völlig unverändertes Verhalten des Vorgesetzten. „So deutlich hatte sich das bisher noch nicht gezeigt“, so Kohn. Handlungsbedarf macht hier auch Professor Dieter Weidemann aus, der Präsident der Vereinigung hessischer Unternehmerverbände: „Familienfreundlichkeit ist ja längst zum Chefthema geworden“, sagt er, „die Mitarbeiter spüren eine positive Veränderung – umso überraschender, dass die Personalabteilungen und die direkten Vorgesetzten diese Entwicklung eher passiv geschehen lassen, als sie aktiv mitzugestalten.“ Weidemann verspricht: „Wir werden weiter Überzeugungsarbeit leisten.“

Und das mitten in der Krise? Für Professor Helmut Schneider vom Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik kein Problem. „Die Krise sollte genutzt werden, um auf flexible Arbeitszeitmodelle zu setzen, die zugleich familienfreundlich sind – so profitieren alle.“

Thomas Hofinger

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