Mitbestimmung

Schüler meistern die Krise


Jugendliche spielen Betriebsrat und Chef – unter realistischen Bedingungen

Holzminden. In der Ventrix AG brodelt es. Der Weltmarktführer bei Ventilen und Dichtungen für Dieselmotoren steht am Abgrund: 50 Prozent Umsatzeinbruch im ersten Quartal des Jahres! Düstere Aussichten für die 1.500 Mitarbeiter. Der Vorstand trommelt den Betriebsrat zusammen, um ihn über geplante Kürzungen zu informieren.

Ein Horror-Szenario – doch zum Glück nur ein Spiel. Die Manager und Betriebsräte sind Schüler, 30 Zehntklässler des Landschulheims am Solling im niedersächsischen Holzminden.

David (16) und dem gleichaltrigen Ludwig ist in dem Planspiel „Mitbestimmung im Betrieb“ die Rolle der Chefs zugedacht. Ludwig sagt mit ernstem Gesicht: „Wir versuchen so wenige Mitarbeiter wie möglich freizusetzen. Doch es führt kein Weg daran vorbei, unsere Arbeitsplätze um 30 Prozent zu kürzen.“

Alle Zahlen auf den Tisch!

Entwickelt und mitgebracht hat das Spiel Friedel Martiny – im Rahmen der Initiative Schule-Wirtschaft. Der ehemalige Arbeitsdirektor eines internationalen Auto-Zulieferers wird von zwei früheren Kollegen begleitet.

Einer von ihnen ist Harald Königshoven. Der Personalleiter im Ruhestand steht dem „Vorstand“ der fiktiven Ventrix AG zur Seite: „Jetzt müsst ihr mit den Zahlen auf den Tisch, verkünden, dass ein Drittel

des Personals abgebaut werden soll!“ Aber feuern nach Lust und Laune geht nicht: Der Betriebsrat hat Informations- und Mitspracherecht.

Wie in Wirklichkeit so auch im Planspiel: Die „Betriebsräte“ möchten wissen, wie die 30 Prozent Personalabbau zustande kommen. Sie fordern, dass die Geschäftsleitung alle Zahlen herausrückt.

Schließlich werden auch die Arbeitnehmervertreter von einem Profi beraten. Thomas Hahn, langjähriges Betriebsratsmitglied, hat seinen „Kollegen“ eingetrichtert: „Die Runde ist erst beendet, wenn alle Fragen beantwortet sind. Und wenn ihr Fachkompetenz von außen braucht, holt euch sie. Die Kosten dafür muss der Arbeitgeber tragen.“

Jetzt wird es spannend im Landschulheim: Der „Vorstand“ drängt auf eine schnelle Entscheidung, aus Angst vor einer Insolvenz.

„Entlassungen sind aber erst die allerletzte Möglichkeit“, ermahnt sie Spiele-Erfinder Martiny, der auch für den Arbeitgeberverband Rhein-Wupper tätig ist. Vorher müssten alle anderen Optionen ausgelotet werden: Überstunden abbauen, befristete Verträge auslaufen lassen, Arbeitszeit verringern, Personal intern versetzen.

Ringen um jeden Arbeitsplatz

Die Lage spitzt sich weiter zu. Jetzt wird der Betriebsrat von der Gewerkschaft IG Metall unterstützt. Vorstand David unterbreitet ein Friedensangebot: nur 20 Prozent Personalabbau. Gewerkschafter Maximilian kontert: „Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz!“ Und weiter geht das zähe Ringen um die Jobs.

Am Ende sind sich alle einig: Das Spiel ist ein Volltreffer. Lehrer Heinrich Meisieck, der im Politik-Unterricht die Soziale Marktwirtschaft vermittelt: „Jetzt verstehen die Schüler besser, wie es im Betrieb so zugeht.“

„Es bleibt mehr hängen als im normalen Unterricht“, sagt „IG-Metaller“ Maximilian.

David fühlte sich im Arbeitgeberlager wohl: „Ich möchte mal eine Firma aufbauen.“

 

Info: Initiative Schule-Wirtschaft

Wirtschaftsthemen praxisnah vermitteln: Das will die Initiative Schule-Wirtschaft. Rund 22.000 Schul- und Unternehmensvertreter machen da in 450 Arbeitskreisen mit. Die Betriebe bieten etwa Praktika und Info-Tage an, laden Lehrer in ihre Labors und Produktionshallen ein, schicken Mitarbeiter in die Schulen. Seit der Finanzkrise ist das Interesse an ökonomischer Bildung stark gestiegen.

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