Menschen

Schöner Schrott

Ein Audi-Mitarbeiter macht aus altem Eisen Kunst

Paunzhausen. „Jetzt nicht erschrecken“, bittet Hermann Hechenberger – und läuft Richtung Dachboden voran. Die Tür geht mit einem leisen Quietschen auf. „Hier oben ist ein wenig Chaos“, warnt der bärtige Oberbayer.

Und in der Tat: Unter dem Dach seines Einfamilienhauses nahe Pfaffenhofen türmen sich stapelweise Hunderte Metall-Skulpturen in Regalen. Ebenso viele harren in Kisten. „Kunst ist all das, bei dem ich mir etwas denke“, sagt der 50-jährige Audi-Mitarbeiter.

Im Alltag baut der gelernte Kfz-Meister im Ingolstädter Werk modernste Prototypen per Hand zusammen. Doch nach Feierabend und am Wochenende beschäftigt er sich leidenschaftlich mit Metallschrott: Aus altem Blech und rostigem Eisen wird Kunst.

Hechenbergers Atelier ist seine Garage. Hier finden sich unzählige Metallrohre und Eisenstücke, Werkzeuge und Platten. Auch Singer- und Pfaff-Nähmaschinen, antike Bügeleisen sowie eine mechanische Brötchenpresse aus längst vergangener Zeit warten darauf, Kunst zu werden.

Manches ist auch politisch

„Man braucht einen großen Fundus“, erklärt Hechenberger. „Es ist ein großer Reiz, alte Dinge zu verarbeiten. Die Dinge bleiben so erhalten und wandern nicht endgültig zum Schrott.“

Eines seiner Lieblingswerke liegt derzeit in einem seiner zwei Keller-Räume versteckt, die wie der Dachboden randvoll mit Metall-Kunstwerken sind. Es ist eine menschliche Büste im Ochsengeschirr. Das Schild „pflichtversicherter Arbeitnehmer“ ist umgehängt.

 

„Renten- und Krankenversicherung, dazu die vielen Steuern: Man wird richtig geschröpft“, erklärt Hechenberger diese Skulptur. Kunst und Provokation – das gehört für ihn zusammen.

Ungewöhnlich ist das Hobby schon – doch ihn kümmert das nicht. „Ich war schon seit meiner Kindheit ein Außenseiter“, sagt er – und fügt an: „Kreative Menschen sind eben immer anders.“

Betriebe liefern ihm Material

Hechenberger lebt für die Kunst. Aber keinesfalls von ihr. Hier und da gibt es mal ein paar Hundert Euro. Vor etlichen Jahren hat er für eine kleine Skulptur sogar einmal 3.500 D-Mark bekommen. „Ich stecke allein fürs Material meist mehr Geld rein, als ich verdiene.“ Man dürfe es nicht wegen des Gewinns machen. „Man muss es machen, weil man es machen will.“

Für altes Metall streckt der Hobby-Künstler seine Fühler überallhin aus: Firmen wie Audi oder BMW überlassen ihm gerne ausgemusterte Stücke, etwa Motoren. Und auch beim Robotik-Unternehmen Kuka hat er schon altes Material ergattern können. Auf Flohmärkten und Schrottplätzen hält er selbstverständlich auch die Augen offen.

Die jüngste Beute: Sieben netzförmige Metall-Stücke, so groß wie Tennisschläger. „90 Euro“, sagt der Sammler. „Für einen logisch denkenden Menschen ist das schwer zu verstehen, ich weiß.“ Die Augen leuchten. „Aber ich habe die Stücke gesehen und wollte sie unbedingt haben.“ Was er mit ihnen anfangen wird, weiß er noch nicht. „Aber sie haben Potenzial.“ 

Michael Stark


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