Menschen

Rockröhre aus Oberfranken


Wie Kerstin Aumüller ihre Konzertleidenschaft und den Job unter einen Hut bringt

Küps. Die Haare hat sie leuchtend violett gefärbt. Damit sticht Kerstin Aumüller (40) weit sichtbar aus dem Kreis ihrer Kolleginnen heraus. Ihre Leidenschaft sind Rockkonzerte. 40 hat sie allein im letzten Jahr besucht. Dafür lebt und arbeitet sie – bei Datex-Perfekt, einem Unternehmen für professionelle  Datenerfassung im oberfränkischen Küps.

Wer Waren beim Teleshopping ordert oder aus einem Versandhauskatalog bestellt, landet hier im Call-Center. Rund 450 Mitarbeiterinnen – außer ein paar Technikern sind alle Frauen – nehmen die Gespräche entgegen. Sie sitzen in den ehemaligen Klassenzimmern der alten Volksschule, die mit Blumen, Bildern und Schaufensterpuppen geschmückt sind.

„Für mich ist das Wichtigste, dass ich meine Arbeitszeit selbst bestimmen kann, um Zeit für meine   Konzerte zu haben“, betont Aumüller. „Mein Rekord liegt bei 250 Stunden im Monat. Es können aber auch einmal nur 50 sein, wenn sich die Konzerte häufen.“

Teilzeitarbeit erstmals für alle

Absolute Flexibilität war die Grundidee für die Firmengründung von Datex-Perfekt: Das Bundesarchiv suchte 1989 eine Firma, die rund drei Millionen Akten für die EDV aufbereitete. „Wir waren die Einzigen, die das mit Menschen umsetzen wollten statt mit damals sündhaft teuren Scannern“, sagt Firmenchef Helmut Schiffner.

80 Frauen hat er 1990 eingestellt, die als „geringfügig Beschäftigte“ die Daten in den Computer tippten. Schiffner: „Damit waren wir eines der ersten Unternehmen in Deutschland, das Teilzeitarbeit für alle umgesetzt hat.“

Der Betrieb geht auch sonst unkonventionelle Wege. Weil sich die Mitarbeiterinnen so einiges am Telefon anhören müssen, plant Schiffner, sie  mit Pferden arbeiten zu lassen: „Da lernt der kleine Mensch, sich gegenüber großen Tieren Respekt zu verschaffen.“

Schiffners nächstes Projekt ist ebenso ehrgeizig: In Zusammenarbeit mit dem ADAC will er mit seinem Call-Center dazu beitragen, privaten Pkw-Verkehr und öffentlichen Nahverkehr unter einen Hut zu bringen. Jeder, der etwa von Küps nach Kronach will, kann sich dann für das günstigste Beförderungsmittel entscheiden.

Kerstin Aumüller benutzt das Auto – auch für die Fahrt zu den Rockkonzerten. Das erste dieser Saison war Ende Mai in München: Bon Jovi. Bis jetzt hat sie Tickets für 37 Veranstaltungen – von Grönemeyer bis Foo Fighters, Depeche Mode und Beatsteakes. „Vor allem liebe ich ‚Die Ärzte’ – nicht jeden Tag, aber sooft wie möglich“, gesteht sie. Um die Punk-Rockband live zu erleben, reist sie im Oktober nach Prag.

„Jetzt geh ich in jedes Konzert“

Ihr Stammplatz ist vor der Bühne. „Ohne Feuerzeug, aber mit Haargummi“, sagt sie. Den braucht sie auch, wenn sie ihre Inline-Skates anzieht, um  eine Runde um die „Ködeltalsperre“ zu drehen. Eine Stunde braucht sie für die zwölf  Kilometer.

Ihre Rock-Leidenschaft begann 1991,  als Rock-Ikone Freddy Mercury starb. „Jetzt geh ich in jedes Konzert, bevor die Leute wegsterben, die mich interessieren“, lacht Aumüller.

Matthias Nauerth

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang