Interview

Rente mit 67 – geht das?


Der Personalvorstand von BMW über ein vielbeachtetes Pilotprojekt zum Thema alternde Belegschaften

Es geht los: Ab dem kommenden Jahr steigt die „Regelaltersgrenze“, bei deren Erreichen man ohne Abschlag in Rente gehen kann, jedes Jahr um einen Monat, ab 2024 um zwei Monate – und ab 2031 gibt es dann die „Rente mit 67“. Ist das realistisch, etwa in den Fabriken eines Auto-Herstellers? Harald Krüger, im Vorstand von BMW zuständig für das Personal- und Sozialwesen, über das Projekt „Produktionssystem 2017“ und die wachsende Bedeutung von Fort- und Weiterbildung.

AKTIV: Herr Krüger, warum glauben Sie, dass man künftig bis kurz vor dem 67. Geburtstag noch am Produktionsband stehen kann? Gewerkschafter haben da ihre Zweifel.

Krüger: Ich bin davon überzeugt, dass viele unserer Mitarbeiter das auf alle Fälle können werden. Mit unserem Programm „Heute für morgen“ sorgen wir dafür.

AKTIV: Mit dieser Form des betrieblichen Gesundheitsmanagements wollen Sie dafür sorgen, dass Ihre Belegschaft gesund älter wird und leistungsfähig bleibt. Wie soll das konkret gelingen?

Krüger: Indem wir früh ansetzen, schon bei den 30-Jährigen. Zum Beispiel mit höhenverstellbaren Arbeitsplätzen, wechselnden Tätigkeiten und gelenkschonenden Fußböden in den Werkhallen. Und natürlich mit gesunder Ernährung und viel Bewegung.

AKTIV: Salat und Jogging können Sie den Mitarbeitern doch nicht verordnen.  

Krüger: Nein, aber wir geben Tipps und Anstöße. Manche haben mit 45 angefangen, regelmäßig Sport zu treiben. Im Dingolfinger Fahrzeugkomponenten-Werk zum Beispiel gibt es einmal in der Woche einen Lauftreff.

AKTIV: Und lohnt sich der ganze Aufwand auch für ein Unternehmen?

Krüger: Allerdings. Nehmen wir nochmals Dingolfing. Die Mitarbeiter in dem dort inzwischen abgeschlos-senen Pilotprojekt „Produktionssystem 2017“ waren im Durchschnitt 47 Jahre – und damit 8 Jahre älter als an den anderen Standorten. Die Produktivität aber war genauso hoch. Und der Clou: Die Qualität war sogar etwas höher.

AKTIV: Man könnte einwenden, ein Großunternehmen wie BMW hat vielleicht das Geld für solche Projekte – doch ein Mittelständler kann so etwas finanziell gar nicht stemmen.

Krüger: So teuer ist das gar nicht. Neue Fertigungslinien werden ohnehin immer wieder aufgebaut. Was wir zusätzlich brauchen, sind Ärzte, Ergonomie-Spezialisten und Physiotherapeuten, die unsere Mitarbeiter untersuchen, beraten oder bei Dehnübungen am Arbeitsplatz unterstützen.

AKTIV: So professionell solche Fitness-Programme auch sein mögen – es werden trotzdem nicht alle Produktionsmitarbeiter bis zum gesetzlichen Rentenalter durchhalten.

Krüger: Klar, solche Fälle haben wir auch. Diese Mitarbeiter wechseln zum Beispiel in die Fahrzeug-Erprobung, an Prüfstände oder in ServiceBetriebe wie die BMW-Niederlassungen.

AKTIV: Und wenn einer partout nicht bis 65, oder im Jahr 2031 bis 67 arbeiten kann oder will?

Krüger: Die Mitarbeiter haben bei BMW nach wie vor die Möglichkeit zur Altersteilzeit. Das haben wir im vergangenen Jahr mit un-serem Betriebsrat vereinbart. Früher begann der Freizeitblock ab 57 Jahren, jetzt ab 60. Diese Altersgrenze könnte übrigens in Zukunft weiter steigen.

AKTIV: Wer länger arbeitet, muss nicht nur körperlich, sondern auch geistig fit bleiben. Hat das im Personalwesen von BMW einen ähnlich hohen Stellenwert?

Krüger: Und ob! Für die Weiterbildung haben wir 2010 eine Offensive gestartet und die Ausgaben kräftig gesteigert. Auch 2011 und in den nächsten Jahren geben wir hier richtig Gas.

AKTIV: Warum?

Krüger: Um wettbewerbsfähig zu bleiben und weil sich Technik immer schneller weiterentwickelt – besonders in der Automobil-Industrie. Denken Sie nur an die Elektromobilität.

AKTIV: Und was wird in der Weiterbildung gelernt?

Krüger: In erster Linie Spezialqualifikationen. Wir beginnen damit bei unseren Auszubildenden, die zum Beispiel Zusatzkenntnisse über Hybrid-Fahrzeuge vermittelt bekommen, und das Spektrum reicht bis zum berufsbegleitenden Studium für Meister oder Techniker auf dem Gebiet Elektromobilität.

AKTIV: Hat denn überhaupt jeder Lust, eine solche Weiterbildung zu absolvieren? Oder ist die Teilnahme für BMW-Mitarbeiter Pflicht?

Krüger: Unsere Leute haben Benzin im Blut und sind begeistert von neuen Autos und Motorrädern. Deshalb hat jeder selbst den Antrieb, eine neue Technik kennenzulernen.

 

Große Leser-Umfrage: Sagen Sie uns, wie lange Sie arbeiten werden!

Betriebliche Weiterbildung auf dem Prüfstand: Tut Ihre Firma genug?

Frankfurt/Köln. Um in der Arbeitswelt bis 67 am Ball bleiben zu können, muss man auch die kleinen grauen Zellen trainieren: „Lebenslanges Lernen“ heißt die Parole. Und die Firmen sagen: Wir haben verstanden!

Jeder dritte Personalchef, das zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage, will dieses Jahr mehr Geld für betriebliche Fortbildung ausgeben. Und vier von fünf Personalchefs finden es „besser, die eigenen Mitarbeiter durch Weiterbildung zu entwickeln, als teure Fachkräfte von außen anzuwerben“.

So weit die guten Vorsätze der Wirtschaft. Wie es schon heute in der Praxis aussieht, das möchte AKTIV jetzt gerne von den Leserinnen und Lesern wissen: Bis zu welchem Alter werden Sie voraussichtlich arbeiten? Haben Sie in den letzten fünf Jahren neue berufliche Fähigkeiten erworben? Fühlen Sie sich durch die Weiterbildungsangebote in Ihrem Betrieb angesprochen? Und wenn nein, warum nicht?

Und wenn Sie entscheiden könnten: Welche Altersgruppe sollte durch Weiterbildung besonders gefördert werden? Welche Verbesserungen wünschen Sie sich?

Zehn Minuten, die uns allen helfen

Die Fragen sind per Internet in zehn Minuten beantwortet; die Teilnahme ist anonym. Die Erkenntnisse können unsere Unternehmen voranbringen – das hofft jedenfalls die hessische Wirtschaft, die die große Umfrage „Barometer Weiterbildung“ angeschoben hat.

Dahinter stehen die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, der Arbeitgeberverband Hessenmetall, die Kölner IGS Organisationsberatung, die Tageszeitung „Frankfurter Rundschau“ und die Wirtschaftszeitung AKTIV.

Die Redaktion bittet: Nehmen Sie sich kurz Zeit, machen Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Antworten – und werden über die Ergebnisse ausführlich berichten.

Red

Hier geht es zur Umfrage

 

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang