Nachfolger werden oft jahrelang eingearbeitet

Qualifizierung hilft gegen Personalmangel: Beispiel Kranbau Köthen

Köthen. Immer, wenn mal ein bisschen Zeit bleibt, setzt sich Detlef Zwicker hin und liest. Nicht etwa einen Krimi oder den „Kicker“: Der 55-Jährige studiert an seinem Schreibtisch in der Lehrwerkstatt neue Verordnungen oder pädagogische Fachliteratur. Denn das gehört inzwischen zu seinem Job: „Seit gut drei Jahren bin ich verantwortlich für die Ausbildung.“

Erfahrungswissen ist extrem wichtig

Jenseits der 50 was ganz anderes anfangen – das ist nicht ohne. Aber die Bereitschaft dazu wird immer wichtiger. Und bei Kranbau Köthen in der gleichnamigen Kreisstadt in Sachsen-Anhalt gehört das zum Plan, mit dem man den Fachkräftemangel raffiniert bekämpft.

Zwicker hatte zuvor über 30 Jahre lang als Elektroschlosser an den Spezialkranen mitgebaut: Anlagen etwa für Gießereien, Häfen oder Werften – jeder ein Unikat und so ausgeklügelt, dass ein Ausfall so gut wie ausgeschlossen ist. Mit 52 bewarb er sich dann auf die intern ausgeschriebene Stelle: Ihn reizten die Verantwortung für junge Leute und der Schritt auf der Karriereleiter. „Einfach war die Weiterbildung nicht“, sagt Zwicker. Oft habe er bis in die Nacht gebüffelt.

Wer geht wann in die Rente, wer könnte dann den Job machen – und was muss der Neue können?

„Wir wollten einen eingearbeiteten Nachfolger, bevor unser ehemaliger Lehrausbilder in Rente geht“, erläutert Personalchef Hendrik Siemionek. Und das ist hier Prinzip! Denn gerade im Kranbau ist Erfahrungswissen extrem wichtig. Der 210-Mann-Betrieb garantiert, dass seine Produkte im Prozess nicht ausfallen: „Würden wir nur einmal einen fehlerhaften Kran liefern, wäre unser guter Ruf wohl dahin“, betont Siemionek.

Deshalb beginnt die Qualifizierung eines Nachfolgers schon Jahre, bevor eine Fachkraft in Rente geht. Gemeinsam mit dem Betriebsrat ist ein langfristiger Plan erstellt worden: Wer geht wann in den Ruhestand, wer kommt für diese Position infrage, wann muss die Qualifizierung beginnen? So können die gestandenen Fachleute ihre Erfahrungen schrittweise an die Jungen weitergeben.

„Wie Kranbau Köthen dem Fachkräftemangel durch Qualifizierung begegnet, ist beispielhaft“, sagt Matthias Menger, Hauptgeschäftsführer beim Verband der Metall- und Elektroindustrie Sachsen-Anhalt. Dort ist das Problem schon sehr drängend, wie die zuständige Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit gerade in einer Studie aufzeigte: Durchschnittlich kann nur einer von zwei in Rente gehenden Beschäftigten durch einen Azubi ersetzt werden, bis 2020 droht dem Bundesland eine Fachkräftelücke von rund 100.000 Arbeitskräften.

Bei Kranbau Köthen hat zum Beispiel auch Sven Kinzel schon jede Menge dazugelernt. Nach seiner Dreher-Lehre wurde der junge Mann nach und nach für die meisten Arbeiten im Bereich Zuschnitt fit gemacht, dann auch für den Job als Teamleiter. Mittlerweile hat sich der 33-Jährige sogar ins Programmieren hineingekniet und wird künftig der Brennschneidemaschine vorgeben, was sie zu tun hat. „Als ich hier 1999 als Lehrling angefangen habe, hätte ich von einer solchen Karriere nicht zu träumen gewagt“, sagt Kinzel stolz.

Siemionek, der Kopf hinter dem Qualifizierungsplan, ist ebenfalls ein Köthener Eigengewächs – und ein weiteres Beispiel fürs Prinzip: Als gelernter Kaufmann war er elf Jahre lang Einkäufer, studierte nebenher Betriebswirtschaft. Dann lockte das Personalwesen. „Drei Jahre an der Seite der früheren Personalchefin haben mich gut auf meine neue Arbeit vorbereitet“, sagt Siemionek.

Betrieb möchte jetzt noch mehr ausbilden

Zurück zu Lehrausbilder Zwicker, der übrigens auch als Jugendtrainer und Sportdirektor beim Cöthener Hockeyclub aktiv ist. Für ihn bedeutet die Qualifizierungsstrategie in den nächsten Jahren reichlich Arbeit: Wegen der – noch – ungünstigen Altersstruktur der Belegschaft stehen etliche Verrentungen an. Daher soll die Zahl der aktuell 15 Azubis steigen, Zwicker bekommt mehr Schützlinge.

Und er bringt den Lehrlingen ja nicht nur die Grundfertigkeiten der Metallbearbeitung bei. Sondern auch Werte und Normen – und nimmt sich den Nachwuchs notfalls zur Brust, wenn der mal neben der Spur läuft.

Und was Zwicker den künftigen Kranbauern wohl auf jeden Fall mitgeben wird: Ausgelernt? Das hat man eigentlich nie …


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