Fachkräfte von morgen lernen von „alten Hasen“ – und umgekehrt

Projekt Erfahrungswelt: Seissenschmidt bringt Rentner mit Azubis zusammen

Plettenberg. Smartphone, computergesteuerte Maschinen, PC: Mit modernster Technik umzugehen, das gehört für den angehenden Industriemechaniker Nico Brauner (19) zum Alltag. Doch als der 83-jährige Wilhelm Guth mit seinem Rechenschieber am Arbeitsplatz des Azubis aufkreuzt, gibt es eine tolle Überraschung. Wow! Der Senior hat die gestellte Rechenaufgabe schneller gelöst als der Jungspund mit dem Smartphone. „Da staunst du“, lacht Guth.

Solche Erlebnisse haben die Lehrlinge von Seissenschmidt in Plettenberg immer wieder. Der Autozulieferer (Teile für Motoren, Getriebe und Achsen) bringt angehende Fachkräfte und ehemalige Mitarbeiter zusammen. Im Rahmen des Projekts „Erfahrungswelt“ treffen sich die Azubis des zweiten Lehrjahrs ein halbes Jahr lang alle vier bis fünf Wochen mit Senioren. So lernen sich die Generationen besser kennen.

Was die Azubis dabei von den Ruheständlern erfahren, kann man sich heute kaum noch vorstellen. „Im Büro gab es keine Computer“, erzählt der 80-jährige Manfred Kierspel, der den beiden beim Rechnen zugeschaut hat. „Alles wurde auf Schreibmaschinen getippt.“

Während Seissenschmidt-Rentner Kierspel früher Modelle für Fräswerkzeuge baute, war Guth Prokurist. Bei dem Firmenprojekt geht es aber um mehr als nette Anekdoten: „Die jungen Leute sollen beizeiten lernen, Älteren wertschätzend zu begegnen“, sagt Diversity-Manager Thomas Winkler. Diversity heißt Vielfalt. Und die ist unter den 870 Seissenschmidt-Beschäftigten groß. „Bei uns arbeiten Menschen aus 26 Nationen.“

Winkler hat zudem die unterschiedlichen Mentalitäten von Alt und Jung im Blick. „Es wird immer mehr ältere Menschen in der Gesellschaft und somit auch in der Belegschaft geben.“

Und von deren Wissen sollen die Jungen profitieren. Erfahren, wie die alten Hasen Probleme angepackt und ihren Weg gemacht haben. Die Senioren wiederum bleiben durch die Azubi-Berichte dem Unternehmen verbunden und auf dem neuesten Stand.

Gemeinsame Ausflüge, Betriebsführungen für die Rentner – beim lockeren Du ist die Distanz schnell überwunden. „Die Idee ist super“, meint Tim Christopher Lohmann. „Als Schüler hat man ja nicht so viel mit Älteren zu tun. Bei der Arbeit direkt“, so der Werkzeugmechaniker-Azubi. „Die kannten meinen Opa noch, der hat hier gearbeitet“, freut sich dagegen der angehende Industriemechaniker Alexander Grote. Wie bei den anderen Azubis stehen bei ihm die Chancen gut, fest übernommen zu werden.

Dabei ist es für die Firma nicht leicht, gute Nachwuchskräfte zu finden. Deshalb hat sie mithilfe der Jugend die Website deine-staerke.de zum Thema Ausbildung entwickelt – inklusive Kinospot.

Ausbildungsmessen, Eltern-Days und Aktionen mit Schulklassen vom Bewerbungstraining bis zum Besuch der Hannover-Messe: Die Firma wirbt auf allen Kanälen. Pro Jahr kommen rund 40 bis 50 Praktikanten in den Betrieb. Es sind die potenziellen Fachkräfte von morgen, die bereit sind, lebenslang zu lernen.

Das ist heute wichtiger denn je. Egal, wie alt man ist. Ein gutes Beispiel ist der Rentner Kierspel: „Ich hab mir mit 79 meinen ersten Computer und mein erstes Smartphone gekauft.“ Ermutigt wurde er von der Azubi-Runde.


Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang