Herr Gehr steuert um

Porträt: Wie dieser Taxifahrer berufliche Probleme großräumig umfährt

München. „Zu einem guten Arbeitstag“, sagt Stephan Gehr, „gehört eine Menge Glück.“ Da mag er vielleicht recht haben, aber auf Dusel allein will der 53-Jährige nicht bauen.

Er hat sich etwas einfallen lassen, um in der Taxibranche, die gerade einen beispiellosen Umbruch durchlebt, zu bestehen. Die Probleme heißen Mindestlohn und „Uber Pop“, eine App aus den USA, aber dazu später.

Sauberes Fahrzeug, gutes Englisch und viel Menschenkenntnis

Herr Gehr hat sich gewappnet – mit ein paar Ideen, die ihn vom durchschnittlichen Taxifahrer unterscheiden. Das fängt bei seinem Auto an, einem VW-Bus, mit dem er bei seinen Touren durch München und Umgebung auch größere Gruppen mitnehmen kann. Weiter geht es mit Utensilien, die er in seinem Kofferraum bereithält: eine Babyschale, verschiedene Kindersitze, einen Schemel, der älteren Leuten beim Einsteigen hilft.

Nicht nur materiell hat er aufgerüstet, auch geistig. Er hat nebenbei eine Ausbildung zum Stadtführer gemacht und fährt jetzt ab und zu auch als „Taxi-Guide“ herum. Er spricht gutes Englisch, legt penibel Wert auf ein sauberes Auto (Schonbezüge auf den Sitzen!). Und: Er beschreibt Höflichkeit als Kern seines Geschäftsmodells.

„Ich unterscheide dabei nicht zwischen dem Anzugträger, der schweigend auf der Rückbank sitzt, der Rentnerin, die zum Arzt muss, oder dem gesprächsbedürftigen Kneipenheimkehrer“, sagt er. „Alle Fahrgäste haben doch Anspruch auf Aufmerksamkeit. Und sie sollen mich ja auch morgen noch lieb haben.“

Der gelernte Bankkaufmann, der sich im Vertrieb einer Computerfirma irgendwann beruflich zu eingeengt fühlte, chauffiert an sechs Tagen in der Woche jeweils acht Stunden. Damit fährt er gut: In starken Monaten verdient er 3.000 Euro – nach Abzug aller Kosten und betrieblichen Steuern.

Davon können viele angestellte Kollegen nur träumen. Nach Schätzungen des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbandes beträgt der durchschnittliche Stundenlohn 6,50 Euro. Manche fahren für 3 Euro, die Unterschiede sind riesig – von der Nachtschicht irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern bis zum Samstagabend während des Münchner Oktoberfests.

Doch Anfang 2015 soll für alle 200.000 angestellten Taxifahrer der Mindestlohn gelten. „Für uns sind die 8,50 Euro nur in den allerwenigsten Fällen zu realisieren“, warnt Verbandspräsident Michael Müller. „Schon allein deshalb, weil wir die Taxitarife und damit die Preise für unsere Dienstleistung gar nicht selbst festlegen dürfen.“

Dazu muss man wissen: Angestellte Fahrer erhalten in der Regel keinen festen Stundenlohn, sondern einen im voraus vereinbarten Anteil am Umsatz. Und der richtet sich nach Taxi-Tarifen – die von den Kommunen in sehr langwierigen Verfahren bestimmt werden. Bis Januar 2015, so Müller, kriege man eine Änderung nicht hin.

Um die Auswirkung des Mindestlohns aufzufangen, müssten die Tarife zudem deutlich angehoben werden. „Im bundesweiten Durchschnitt um 25 Prozent.“ Schließlich seien die Löhne der größte Kostenblock. Laut Müller kündigen einzelne Unternehmen aus Unsicherheit jetzt schon Fahrern. „Bundesweit sind zwischen 50.000 und 70.000 Arbeitsplätze bedroht.“

Der Bundesverband versucht, eine Staffelung der Anpassung bis Ende 2016 zu erreichen – über eine tarifvertragliche Regelung mit der Gewerkschaft Verdi.

Eine App mit zerstörerischer Kraft

Zu allem Ungemach ist da auch noch die Sache mit „Uber Pop“. Mithilfe dieser App finden neuerdings ganz normale Privatfahrer und Mitfahrer zusammen. Die „Uber Pop“-Chauffeure haben zwar keinen Personenbeförderungsschein, ohne den die gewerbliche Personenbeförderung nicht erlaubt ist. Und auch der Versicherungsschutz für die Fahrgäste ist ungeklärt. Aber das Internet setzt sich über solche Dinge hinweg – und forciert einen Strukturwandel.

Der Taxiverband will jetzt gerichtlich vorgehen. „Wir sind empört darüber, dass der Staat die App nicht selbst mit einer Unterlassungsverfügung sofort unterbindet“, so Müller. Denn „Uber Pop“ ist nicht zu unterschätzen. „Hier wird das komplette Rechtssystem des Marktes angegriffen. Es könnte sein, dass dies eine noch zerstörerische Kraft entwickelt als der Mindestlohn.“ Am 11. Juni veranstalten die Taxiverbände in Berlin einen Aktionstag gegen die App.

Und während Verband und Politik ums große Ganze streiten, bringt Stephan Gehr in München seine Gäste von A nach B. „Nicht, dass mich das alles kaltlassen würde“, sagt er. „Aber ich komme da mit meinem Geschäftsmodell nicht unter die Räder.“


Hintergrund

In der Zange von Internet und Mindestlohn

  • Die App „Uber Pop“: Damit können private Fahrer ohne Konzession Passagiere mitnehmen. Das dahinterstehende Start-up hat sich in den USA schon etabliert, in Deutschland bewegt es sich rechtlich in einer Grauzone.
  • Die 8,50 Euro Mindestlohn: Sie sollen zum 1. Januar 2015 auch hier kommen. Der Taxiverband will die Anpassung per Branchentarifvertrag bis Ende 2016 staffeln.

Immer noch ein Luxus

Das Taxi vom Verbraucher aus betrachtet

Köln. Anders als zum Beispiel bei Fernflügen oder Computern ist bei Taxifahrten der Preis in den letzten Jahrzehnten ziemlich konstant geblieben – jedenfalls, wenn man ihn in Relation zum allgemeinen Lohnniveau betrachtet.

Exakt 63 Minuten musste der Durchschnittsverdiener im Jahr 2013 arbeiten, um davon eine Taxifahrt von 7 Minuten zu finanzieren. Sie kostete 17,13 Euro, 24 Prozent mehr als noch 2005. Die Verbraucherpreise insgesamt stiegen in dieser Zeit nur um 14 Prozent. Zuvor war der Fahrpreis über lange Zeit unterdurchschnittlich gestiegen – eine Folge des harten Wettbewerbs.

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