Gefahr im Griff

Offshore-Fachleute lernen in Rostock, wie sie Notfälle auf hoher See meistern können

Rostock. Es ist ein Szenario wie aus einem Katastrophenfilm. Eine Rettungsinsel treibt auf dem Wasser, mehrere Gestalten winken aus der Einstiegsluke und schwenken verzweifelt eine Signalfackel. Was so realistisch wirkt, ist zum Glück nur eine Übung im alten Fischereihafen von Rostock. Sie ist Pflicht für alle, die auf Plattformen im Meer arbeiten wollen – egal ob es um Windenergie, Meerestechnik oder Öl- und Gasförderung geht.

Wie Teletubbys sehen die Männer in den roten Neopren-Anzügen aus

Ohne das am Ende verliehene Zertifikat dürfen die Männer nicht mal auf eines der Zubringer-Schiffe zu den Windparks steigen. „Es geht um die Grundlagen der Offshore-Sicherheit und um das richtige Verhalten bei Notfällen auf hoher See“, sagt Volker Heinrich Seibert. Seine Firma ISC Training & Assembly bildet Facharbeiter in Arbeitssicherheit und Notfallmedizin aus.

Die meisten Teilnehmer stammen aus dem hohen Norden, diesmal sind auch einige aus südlichen Bundesländern dabei. Ausgelassen plantschen sie im Hafenbecken. Seibert und sein Ausbilder Jury Struwe sitzen in einem Begleitboot.

Die Stimmung ist gut, denn das Ostseewasser ist wärmer als erwartet. Die grellroten Überlebens-Overalls tun ihr Übriges; richtig angelegt können sie einen Havarierten sogar im Eismeer vor dem Erfrieren schützen – falls er rechtzeitig wieder aus dem Wasser herauskommt.

Und genau das wird nun trainiert. Struwe hat eine große Kapsel über Bord gewuchtet, die sich mithilfe einer Gaspatrone binnen Sekunden in eine Rettungsinsel verwandelt. Jetzt sollen die Teilnehmer reinklettern. Doch mit den Neopren-Anzügen sieht man nicht nur aus wie ein Teletubby, man bewegt sich auch so. Außerdem geben sie dem Körper so viel Auftrieb, dass man wie ein Korken auf der Dünung dümpelt.

Erschwerend kommt dazu, dass Ausbilder Struwe die Insel umgedreht hat. Wer rein will, muss die widerspenstige Konstruktion aufrichten und ins Innere robben.

Auch der AKTIV-Reporter versucht sein Glück und krabbelt voller Tatendrang auf den Rand der umgedrehten Plattform, um sie zu wenden. Und tatsächlich, das Manöver gelingt. Aber nun passiert genau das, wovor Struwe und Seibert gewarnt hatten. Das schwere Gummi-Monstrum klatscht auf den Berichterstatter und bleibt auf ihm liegen.

Was folgt, ist eine Lektion in angewandter Physik. Nach unten geht nix, weil der auftriebstarke Teletubby-Anzug jeden Tauchversuch verhindert, nach oben aber auch nicht, weil der glatte Boden der Rettungsinsel hartnäckig auf der Wasseroberfläche klebt. Der Sauerstoff wird knapp, die Kräfte schwinden. Eigentlich war man ja nicht angereist, um hier im Brackwasser des Rostocker Hafens der Welt für immer zu entsagen, aber nun scheint die Stunde gekommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit endet die Nahtod-Erfahrung, weil Ausbilder Struwe die Lage erkennt und die Plattform vom Boot aus anhebt.

Auf Nord- und Ostsee arbeiten mehr als 2.000 Service-Kräfte

Sein Chef bereitet unterdessen die nächste Übung vor. „Mann über Bord“ heißt das Manöver. „Wir machen das nun schon seit rund sieben Jahren“, erzählt Seibert, „aber langweilig wird es nie.“

Außerdem hat die Branche Potenzial. Seibert: „Über 2.000 Servicekräfte sind derzeit in Windparks auf Nord- und Ostsee beschäftigt.“ Tendenz steigend. „Und alle brauchen eine professionelle Schulung, damit im Ernstfall nichts passiert.“


Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang