Frauenpower

Obenauf in der Männerwelt


Nadine Bönninger ist die erste Gerüstbaumeisterin Deutschlands

Die blonden Haare trägt sie locker zum Zopf zusammengebunden, um den Hals ein kariertes Tuch. Vor allem aber sind es ihre langen, auffällig lackierten Fingernägel, die sofort ins Auge fallen. Doch wer meint, dass der flotte Twen Nadine Bönninger einem typischen Frauenberuf nachgeht, der hat übersehen, wo bei ihr der Hammer hängt.

Die 21-Jährige aus Dortmund ist Deutschlands erste Gerüstbaumeisterin – und der Hammer baumelt seitlich am Gürtel.

Bönninger ist ein extrem seltener Anblick in ihrer Zunft. Was Lothar Bünder, Geschäftsführer der Bundesinnung Gerüstbau mit Sitz in Köln, nur bestätigen kann: „Dieser Beruf ist nach wie vor eine klassische Männerdomäne.“ Etwa 22.000 Gerüstbauer gibt es hierzulande; rund 300 von ihnen sind Meister, die sich um fast 1.000 Auszubildende kümmern. In ganz Deutschland sind nicht einmal zehn Frauen als Gerüstbauerin tätig.

Meisterin mit 19 Jahren

Nur zu verständlich, dass Mutter Bönninger ihrer Tochter abriet, in diesen Beruf einzusteigen: „Lern was Vernünftiges!“ Die Tochter aber hat Spaß daran, packt im elterlichen Gerüstbaubetrieb bald mit an. Schon mit drei Jahren ist sie ihrem Vater auf den Baustellen zwischen den Beinen herumgeturnt. Der lässt sie schon im Grundschulalter Stapler fahren. Sein Rat: „Mach’ das, worauf du Lust hast.“

Und Nadine legt mit Power los. Erlangt als 16-Jährige die Fachoberschulreife, absolviert dank guter Leistungen eine auf zwei Jahre verkürzte Lehre. Nach der Gesellenprüfung mit 18 schließt sie nahtlos eine Meisterfortbildung an.

Den begehrten Meisterbrief hält sie kurz nach ihrem 19. Geburtstag in Händen. Als Erste in ganz Deutschland. Erst seit diesem Frühjahr gibt es in diesem Fach eine weitere Meisterin, doch Bönninger ist nach wie vor die jüngste. Für sie ist der Brief das Gerüst für den weiteren Aufstieg.

Inzwischen ist sie zusätzlich Dozentin am Dortmunder Bildungszentrum Hansemann, Europas größter Ausbildungsstätte für Gerüstbauer. Und studiert obendrein auch noch Bauingenieurwe-sen an der Fachhochschule Bochum. In zweieinhalb Jahren hofft sie Statikerin zu sein, um dann auch komplizierte Konstruktionen berechnen und planen zu dürfen: „Die Verantwortung für so ein Gerüst hoch oben am Kölner Dom, das wäre schon was. Ich brauche einfach den täglichen Kick.“

Eine Herausforderung ist aber auch schon der jetzige Job als Dozentin. Da hat sie eine Klasse mit mehreren Dutzend Jungs zu zähmen.

„Jungs, so macht man das!“

Vor allem die frischen Azubis staunen nicht schlecht, dass eine Frau zwischen Stangen und Gerüstbrettern das Sagen hat. Machen ihre Witze, kloppen Macho-Sprüche.

Doch Nadine Bönninger verschafft sich schnell Respekt. Flink steigt sie mit einem dicken Brett auf der Schulter die Leiter rauf, knallt es auf die Gerüststangen und zieht im nächsten Moment mit der „Knarre“ eine Mutter an: „Jungs, so macht man das!“

In einem Punkt sind sich die jungen Kerle einig: „Die kann watt.“

Nachwuchs dringend gesucht

Schwindelfreiheit und Wetterfestigkeit sind zwei unabdingbare Voraussetzungen für jemanden, der Gerüstbauer werden will. Lothar Bünder, Geschäftsführer der Bundesinnung Gerüstbau, nennt weitere Kriterien: „Mathematisches und technisches Verständnis sowie eine gute körperliche Konstitution und Teamgeist sind wichtig. Gerüstbauer sind ein spezieller Menschenschlag, der sich durch Flexibilität und Bodenhaftung auszeichnet, auch wenn sich der Job meist in luftiger Höhe abspielt.“

Drei Jahre dauert die Ausbildung, die Berufsaussichten sind gut. Bünder: „Gerüstbauer ist kein überlaufener Beruf. Und Nachwuchs wird dringend gebraucht.“

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Schlagwörter: Fachkräfte

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