Innovation

Oben ohne durch die Stadt


Bombardier baut eine Straßenbahn, die sich den Strom aus dem Boden holt

Bautzen. Die „Krise“ kennt Jürgen Pietsch nur aus der Zeitung.  „Wir haben viel zu tun“, erzählt er, wäh­rend er in einer riesigen Montagehalle in der sächsischen Stadt Bautzen Schrauben an einem Schienenfahrzeug nachzieht. „Die Auftragslage ist überragend. Da ist keine Zeit für ein Päuschen zwischendurch.“

An 26 Straßenbahnen wird gerade gleichzeitig gearbeitet – etwa für Dresden, Dortmund, Rotterdam, die Londoner Docklands. Das Schienentechnik-Unternehmen Bombardier Transportation beschäftigt in Bautzen 1.400 Mitarbeiter (davon 300 Zeitarbeiter). Und bringt hier jetzt auch noch eine Weltneuheit  raus.

Per Magnetfeld ans Ziel

Das Hightech-Fahrzeug surrt draußen vor der Halle über den 850 Meter langen Testring: eine Straßenbahn, die ohne Oberleitung auskommt – und die das Straßenbild in vielen Innenstädten verändern wird.

 

„Primove“ heißt das Geheimnis des fahrdrahtlosen Betriebs, das ohne große bauliche Veränderung in jede Bombardier-Straßenbahn passt. „An­getrieben wird die Bahn nach dem Prinzip der elektrischen   In­duk­­tion“, verrät der zuständige Projektleiter Carsten Struve. Im Gleisbereich sind abgeschirmte Stromkabel verlegt. Sobald die Straßenbahn über einen bestimmten Streckenabschnitt fährt, wird dieser „aktiv geschaltet“, und es baut sich ein Magnetfeld auf. Unter der Bahn befindliche „Pickups“ zapfen das Magnetfeld an und versorgen die Bahn berührungslos mit Strom. 

Der Clou: Die Bahn kann auch problemlos mit Oberleitungsstrom fahren. Sobald  die Versorgungsart wechselt, fährt automatisch der Stromabnehmer aus.

„Die neue Technik funktioniert ta­dellos bei jedem Wetter und ist absolut sicher“, sagt Struve. Das Magnetfeld entsteht jeweils nur in den Bereichen, die völlig von der Bahn abgedeckt sind. Auch die Fahrgastzelle ist abgeschirmt.

Dresden wünscht sich die Pilotbahn

Primove ist bereits für Leistungen von 100 bis 1.000 Kilowatt ausgelegt, kann also  auf allen Straßenbahn-Strecken genutzt werden. Die Serienentwicklung soll bis Ende 2009 andauern, das weltweite Inte­resse  ist  riesig. Zwar ist das System wegen der komplexen Elektronik et­was teurer als der herkömmliche Antrieb und  verbraucht ein wenig mehr Strom, wenn der Bremsenergie-Speicher nicht verwendet wird. „Doch dagegen stehen viel niedrigere Wartungskosten“, erklärt Struve.

 

Vor allem aber könnte der Oberleitungs-Wirrwarr aus vielen historischen Altstädten verschwinden.

Beste Chancen, als Erste die Technik im Regelbetrieb zu sehen, haben die Bürger und Besucher der sächsischen Landeshauptstadt: Die Dresdner Verkehrsbetriebe planen eine 1,4 Ki­lometer lange Strecke zum Messegelände.

 

Uwe Rempe

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