Nanotechnologie

Nützlich? Aber sicher!


Eine innovative Behandlung macht’s möglich: Selbst Honig bleibt nicht mehr am Gewebe kleben

Emsdetten. Die Markise einrollen, wenn es regnet? „Aber nein, draußen lassen!“ Diesen erstaunlichen Tipp gibt Stefan Ruholl, Betriebsleiter Textil in den Emsdettener Schmitz-Werken.

Das tut er nun nicht etwa, um möglichst schnell neue Ware verkaufen zu können. Sondern damit der Kunde möglichst lange Freude an der Markise hat: Etwas Regen genügt – dann verschwindet selbst Vogeldreck wie von Zauberhand.

Millionstel Millimeter

Das gilt allerdings nur für einen ganz besonders ausgerüsteten Markisen-Stoff: In dieser Schmitz-Ware steckt Nanotechnologie. Eine Spezialität also, der man nur per Elektronenmikroskop auf die Spur kommt.

Ein Nanometer – das ist ein millionstel Millimeter, nur eine Handvoll Atome. Derart feine Strukturen benötigen eine Vergrößerungsstufe, als würde man aus einem kilometerhoch fliegenden Flugzeug ein Gänseblümchen sehen wollen.

Änderungen auf dieser Ebene können Eigenschaften von Stoffen und Produkten beeinflussen. Und das gewaltig, wie Veredlungsleiter Ralf Bosse zeigt: Er lässt normalen  Honig auf das Polyester-

Gewebe tropfen – der Honig perlt spurlos ab.

Jahrelange Entwicklung

„Vor zehn Jahren haben wir uns auf die Suche nach einem neuen Stoff gemacht, der unter anderem schmutzresistenter sein sollte“, erinnert sich Bosse. Dabei stieß man bald auf den der Natur abgeschauten „Lotus-Effekt“, der auch in anderen Branchen Furore macht: Je rauer eine Oberfläche im Nanobereich, desto weniger kann Schmutz an ihr haften bleiben.

Es galt also, auf das glatte Gewebe eine raue Struktur aufzubringen. Dafür sorgte schließlich eine Nano-Veredlung mit speziellem Kieselsäure-Gel.

Seit 2006 sind Markisen mit dem neuen Material zu haben. Und: „Der Markt liebt es“, freut sich Dan Schmitz, Juniorchef von 750 Mitarbeitern. „Mehr als die Hälfte unserer Markisen ist schon damit ausgerüstet.“

Dass aber das Trend-Thema „Nano“ auch immer mal wieder für warnende Schlagzeilen gut ist, weiß man hier genau: Die Schmitz-Werke arbeiten in einer Gruppe der Nanokommission für die Bundesregierung mit. Birgt also der neue Wunderstoff womöglich Gefahren – für die Mitarbeiter einerseits, für die Kunden andererseits?

Messungen am Arbeitsplatz

Die Schmitz-Experten verneinen das nicht nur, sie lassen sich im Betrieb über die Schulter gucken. Die fertige Lösung für die Nano-Veredlung wird in Plastiktanks angeliefert und ganz normal verarbeitet. Besondere Schutz- maßnahmen seien nicht nötig, betont Veredlungsleiter Bosse: „Solange ein Mitarbeiter das Gel nicht trinkt, kann ihm nichts passieren.“ Dies wisse man auch aus eigenen Messungen an Arbeitsplätzen in der Produktion sowie in der Konfektion.

Und später, wenn die Markise im Einsatz ist? „Wir sind sicher, dass das Produkt auch bei langjährigem normalem Gebrauch keine nanoskali-gen Teilchen freisetzt“, sagt Betriebsleiter Ruholl.

Gerade hat das Institut für Textil- und Verfahrenstechnik Denkendorf sich Proben vorgeknöpft. Nach dem Scheuer-Dauer-Test waren keine Partikel messbar. Anders war das nach der Zerstörung des Gewebes – doch dazu meint der Prüfbericht: „Verglichen mit der täglichen Hintergrund-belastung an ultrafeinem Staub in der Luft ist die Freisetzung als sehr gering einzustufen.“

 

„Alle sind extrem vorsichtig“

Er hat sich schon vor 30 Jahren um Nanopartikel gekümmert – als einer der Ersten im Lande überhaupt: Der Physik-Professor Harald Fuchs. Seit 2003 ist er wissenschaftlicher Leiter  des Center for Nanotech­nology in Münster. Diese Einrichtung hat sich den Transfer von Forschungs­ergebnissen in die Praxis auf die Fahne geschrieben. Rund 100 Wissenschaftler arbeiten inzwischen dort.

AKTIV: Wo es um Dinge geht, die man nicht sehen kann, wird es manchen Menschen bange. Muss man vor „Nano“ Angst haben?

Fuchs: Nein. Prinzipiell hat jede neue Technologie ein Restrisiko – das muss man so gering wie möglich halten. Also muss man die Gefahrenpotenziale sorgfältig analysieren. Und das geschieht auch. Alle Entwickler sind extrem vorsichtig. Schon, weil sich niemand im Labor selbst vergiften will. Dabei sind Nanoteilchen, die eventuell gefährlich sein könnten, ja nur ein kleiner Bereich unseres riesigen Forschungsfeldes: Es wäre nicht angemessen, die gesamte Nanotechnologie für risikoreich zu halten.

AKTIV: In den Medien wurde vor freigesetzten Partikeln gewarnt, die womöglich Krebs erzeugen könnten. Sind textile Nano-Anwendungen betroffen?

Fuchs: Davon ist mir nichts bekannt. Theoretisch könnte eine Freisetzung langfristig etwa durch Abrieb erfolgen. Aber nehmen Sie meine Krawatte: Die ist mit nur einer Schicht ungif­tiger Nano-Moleküle versehen – und schon können Sie Rotweinflecken einfach abwaschen. Traumhaft! Diese Moleküle sind chemisch ganz fest an die Faser angebunden.

AKTIV: Wie ist das aber mit Socken, die auf antibakterielles Nano-Silber gegen Schweißfüße setzen – wäscht sich da was aus?

Fuchs: Das ist nach allem, was wir wissen, völlig ungefährlich. Aber mal ein Gegenbeispiel: Seit es schwarze Autoreifen gibt, enthalten sie Nanoteilchen, in Form von Ruß. Oder die Leiterbahnen in Computer-Chips: Nano-Technologie. Da denkt man gar nicht darüber nach, weil diese Strukturen nicht direkt sichtbar sind.

AKTIV: Echte oder auch nur angebliche Nano-Produkte sind ja schon reihenweise auf dem Markt. Hinkt die seriöse Forschung da etwa hinterher?

Fuchs: Im Gegenteil. Es wird deutlich mehr erforscht als auf den Markt kommt. Es gibt eine unglaubliche Fülle an Ergebnissen. Aber leider kommt nicht alles, was technisch toll ist, auch beim Verbraucher an: Weil es sich oft nicht rechnet – und daher nicht produziert wird.

AKTIV: Wie genau guckt denn eigentlich der Staat bei den Nano-Neuheiten hin?

Fuchs: Die Regelwerke auf europäischer Ebene sind sehr scharf, da bringt keine Firma leichtfertig irgendetwas in Umlauf. Die Begleitforschung ist sehr intensiv, lange vor Markteintritt wird jede Neuheit nach allen Regeln der Kunst getestet. Und diese Regeln sind rigide: Bier und Wein würden heutzutage als neue Produkte der Chemie­Industrie gar nicht mehr zugelassen!

AKTIV: Ist der momentane Nano-Hype vielleicht am Ende doch nur eine Seifenblase?

Fuchs: Auf keinen Fall. Es geht um eine branchenübergreifende Schlüsseltechnologie, die in den nächsten zwei Jahrzehnten enorme Produktverbesserungen bringen wird. Für Autos, in der Chemie und Elektronik, in der Medizin und so fort. Die Umsetzung in der Industrie fängt im Grunde erst an, das geht jetzt erst so richtig los.


www.nanopartikel.info

Info: Nano-Splitter

Wie breit das Spektrum der Nanotechnologie inzwischen ist, zeigt eine

Dokumentation:

Das Bundesforschungsministerium präsentiert im „nano.DE-Report 2009“ den Stand der Dinge. Das dicke Heft ist kostenlos und kann unter der Rufnummer 01805-262302 bestellt werden.

Nano-Produkte für Verbraucher finden sich in einer englischsprachigen

Datenbank:

Dafür klickt man im Portal www.nanotechproject.org  oben auf „Inventories“. Auch für Jugendliche spannend ist eine aktuelle.

Ausstellung:

Das Mannheimer Technoseum zeigt eine der europaweit größten Präsentationen zum Thema. Die Sonderschau „Nano!“ ist bis 3. Oktober zu sehen. www.technoseum.de

 

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