Gesundheit

Neue Arzneimittel – so passend wie Schuhe


„Personalisierte Medizin“ kann Krankheiten gezielter bekämpfen – Roche macht vor, wie das geht

Grenzach/Penzberg. Die Erfahrung zeigt: Bei einem wirkt ein Medikament, beim anderen kaum oder gar nicht. Woran liegt das?

„Menschen sind von Natur aus unterschiedlich“, sagt Maria-Theresia Rose, Medizinische Direktorin bei Roche in Grenzach (Baden-Württemberg). „Das zeigt schon die Schuhgröße: Manche tragen Größe 45, anderen reicht 36.“

Erbgut sorgt für Unterschiede

Für den unterschiedlichen Körperbau sorgt unser Erbgut, das Genom. Es ist für die Größe der Füße verantwortlich – aber auch dafür, was mit den im Medikament befindlichen Wirkstoffen im Körper geschieht. Sprich, wie gut, schnell oder lange sie wirken. Und welche Nebenwirkungen sie hervorrufen.

Man braucht also für eine optimale Therapie auch bei Medikamenten die passende Form – eben genauso wie bei Schuhen. In der Vergangenheit gab es zwar unterschiedliche Packungsgrößen und Dosierungen – aber was den Wirkstoff angeht, trotzdem immer nur eine Variante.

Künftig sollen sie in der richtigen „Schuhgröße“ auf den Markt kommen – als „personalisierte“ oder auch „individualisierte“ Medizin. Dabei helfen moderne Kenntnisse über die Entstehung von Krankheiten und die Wirk-Mechanismen von Medikamenten. So lassen sich gezielt Substanzen für bestimmte Patientengruppen finden.

Erfolgsformel für die Behandlung

Immer mehr Pharma-Unternehmen in Deutschland entwickeln inzwischen solche passenden „Schuhe“: Bayer in Leverkusen, Merck in Darmstadt, Pfizer in Karlsruhe, Sanofi-Aventis in Frankfurt und Daiichi Sankyo Europe in München. Vorreiter ist Roche.  „Wir schaffen bereits individuelle Lösungen wie eine Zwischengröße 37,5“, bringt Rose die zunehmende Passgenauigkeit auf den Punkt.

Bereits im Jahr 2000 brachte Roche ein erstes Medikament dieser Art auf den deutschen Markt: eine biotechnologisch hergestellte Wirksubstanz („Trastuzumab“) gegen Brustkrebs, verbunden mit einem diagnostischen Test.

Einfache Erfolgsformel: Wenn die biologischen Faktoren der Patientin passen, dann wirkt das Medikament mit hoher Wahrscheinlichkeit. Sonst eher nicht. Das Unternehmen investiert seitdem kräftig, um die Entwicklung gezielter Therapien voranzutreiben. Anfang September ging ein weiteres Produktions- und Forschungsgebäude am Roche-Standort Penzberg (Bayern) an den Start. Dort entstehen Reagenzien und Einsatzstoffe für diagnostische Tests. Kosten: 140 Millionen Euro.

Inzwischen gibt es im Konzern fast kein Pharma-Forschungsprojekt mehr, das nicht nach „Biomarkern“ sucht – also speziellen Indikatoren, die anzeigen, bei welchem Patienten die Wirkstoffe anschlagen. Dazu untersucht man in der Regel eine Gewebeprobe: „Zellen sind an ihrer Oberfläche mit einer bestimmten Art von Antennen oder Sendemasten ausgestattet“, erklärt Expertin Rose. „Wenn diese genügend ausgeprägt sind, hat das Medikament sozusagen eine Adresse, an die es andocken kann.“

Derzeit lässt sich das Konzept nicht bei jedem Medikament anwenden. „Es ist sehr schwer, immer die richtigen Biomarker zu finden“, so die Direktorin. „Bisher klappt das etwa bei Krebs oder Immunkrankheiten wie Aids – bei anderen Erkrankungen wie Depression oder Bluthochdruck kennt man die genaue Ursache bis heute nicht.“

Sabine Latorre


Was es schon gibt

Erste Arzneimittel für die „personalisierte Medizin“ sind bereits von den Behörden zugelassen. Die Behandlung damit erfolgt erst, wenn der dazugehörige Erbgut-Test positiv ausfällt. Das verhindert unwirksame Therapieversuche und unnötige Nebenwirkungen.

In Deutschland ist für elf Wirkstoffe ein Gentest vorgeschrieben, für drei weitere ist er empfohlen. Die Therapien zielen auf bestimmte Krebsarten (Brust-, Lungen- und Darm­krebs, Leukämie), Aids und andere Immunerkrankungen.

Mehr Informationen unter www.vfa.de/individuell

 

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