Papierverarbeitung

Neuanfang im Osten


Wie eine kleine Firma die Umstellung auf die Marktwirtschaft meisterte

Guttau. Gekonnt schlängelt sich ein großer Lkw samt Anhänger durch den Wald. Mit etwas Glück kann der Fahrer hier, am Rand des BiosphärenReservats Oberlausitzer Heide, frei lebende Wölfe sehen!

Alle zwei Stunden macht der Laster die idyllische Tour. Er liefert Wellpappebögen, Rohmaterial für die Pappen- und Kartonagenfabrik Spreemühle. Dieser Verpackungshersteller liegt sozusagen am Rand der Welt: in Neudorf (162 Einwohner), einem Teil der sächsischen Gemeinde Guttau.

Der abgelegene Standort hat eine lange Geschichte. „Seit fast 200 Jahren, vermutlich

sogar noch länger, wird hier gearbeitet“, weiß Spreemühle-Geschäftsführer Sascha Berwing. Erstmals urkundlich erwähnt wird die Mühle 1842. Dass das Unternehmen noch heute Menschen Arbeit gibt, liegt an einem rund 150 Jahre später unterzeichneten Dokument: dem Verkauf des zuvor volkseigenen Betriebes an Berwing und seine Frau Ilona durch die Treuhand.

Betriebseigener Friseur

Zu DDR-Zeiten war die Spreemühle das Werk 7 im Kombinat Zellstoff und Papier Heidenau. „Zum Betrieb gehörten ein Badehaus, ein Kultursaal – und sogar ein Friseur“, erzählt Berwing. Dass ein betriebseigener Figaro keine Zukunft hatte – klare Sache. Aber was war vom Kern der Firma zu halten?

„In der DDR war die Losung: Verpacken nicht so gut wie möglich, sondern nur so gut wie nötig. Deshalb konnten viele nach der Wende nur schwer mit den West-Unternehmen konkurrieren“, sagt Zeitzeuge Günter Gmyrek.

Er kennt die Branche in den neuen Bundesländern seit langem von innen; zuletzt betreute er als stellvertretender Geschäftsführer des Verbands VPU Mitte die Betriebe in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

„Keine Chance“ hatten damals laut Gmyrek die DDR-Hersteller von Verkaufsverpackungen, beschichteten Papieren, Tapeten oder Folien. Es halten sich vorrangig Firmen, die wie die Spreemühle auf Versandverpackungen spezialisiert waren. Papieringenieur Berwing hatte vor dem Sprung in die Selbstständigkeit als Vertreter in der Branche gearbeitet. Und festgestellt: „Vor allem die kleineren, flexiblen Betriebe kamen nach der Wende durch.“

Solider Maschinenpark

Das Potenzial der Spreemühle erkennt er schnell. „Es gab keine richtige Heizung, keine vernünftigen elektrischen Leitungen – aber solide ältere Maschinen in sehr gutem Zustand“, erzählt Berwing. „Von den ehemals 100 Beschäftigten waren gar nicht mehr alle da – etliche waren im Vorruhestand, viele Jüngere nach Westen gezogen.“

In nur vier Wochen gelingt es Ilona und Sascha Berwing, die Treuhand von ihren Plänen zu überzeugen und eine Bank zu finden, die die nötigen Kredite gibt. Anfang 1995 startet die neue Spreemühle mit sieben Mitarbeitern.

Nach und nach wird renoviert, die ersten neuen Maschinen rollen an. Bald wird auch wieder Pappe produziert – Berwings haben dafür eigens in eine Kläranlage investiert. Die Belegschaft wächst. Doch Änderungen wie die Lkw-Maut, explodierende Energiekosten und steigende Altpapierpreise machen die Pappe-Fertigung bald unrentabel. „Die Kosten liefen uns davon – der komplette Betrieb war in Gefahr!“ 2004 zieht Berwing die Notbremse. Die Pappenmaschine wird nach Indien verkauft, 20 der inzwischen 35 Mitarbeiter müssen entlassen werden.

Doch der Rest der Firma überlebt – und wächst. Heute arbeiten wieder 25 Menschen im Familienunternehmen. Sie produzieren Schachteln aller Art: große und kleine, mit oder ohne aufwendigem Innenleben, einfarbig oder auch kunterbunt bedruckt – bis zu 50.000 Stück am Tag. Dazu kommen Einlagen, Zuschnitte und Gitterfächer, die den zu verpackenden Waren zusätzlichen Halt geben.

Ägyptische Mumie

Rund 1.000 Kunden setzen heute auf die Spreemühle. Bedeutende Aufträge kommen aus Firmen, die Massenware ohne Markennamen herstellen. Unter ihnen ist eine nahe gelegene Schokoladenfabrik: „Osterhasen und Nikoläuse müssen ebenso professionell verpackt werden wie Glühbirnen oder Bildschirme, damit sie sicher verschickt werden können“, sagt die Produktionschefin Ilona Berwing.

Und auch Spezialitäten werden hier angefertigt, etwa eine Schachtel für die Aufbewahrung einer Luther-Bibel, Archivkartons für die Europäische Zentralbank oder – erst kürzlich – eine große Box für eine Mumie des ägyptischen Museums in Berlin.

Die Zeit des Klinkenputzens der Aufbaujahre ist vorbei: „Inzwischen kommen Kunden aus der ganzen Bundesrepublik von ganz alleine zu uns“, freut sich Ilona Berwing. Der Lkw-Fahrer dürfte also noch oft seine idyllische Tour machen – durch den Wald, in dem manchmal die Wölfe heulen.

 

Die wechselvolle Historie der Spreemühle steht im Netz:

spreemuehle.de/tradition.html

„Mein zweites Zuhause“

Erika Neugebauer ist fast 50 Jahre dabei

Sie ist hier das Mädchen für alles – obwohl sie längst Oma und eigentlich schon in Rente ist: Nach fast 50 Jahren in der Spreemühle ist Erika Neugebauer eine Art guter Geist der Firma.

Neugebauer springt stundenweise ein – bei Bedarf auch in der Produktion. „Das ist doch mein zweites Zuhause“, sagt die 63-jährige Mutter von zwei Töchtern. Die Pflege der Blumen liegt ihr ganz besonders am Herzen: „Ich bin immer stolz, wenn hier alles schön aussieht.“

Mit 15 hatte Neugebauer in einer Bäckerei angefangen. Bald wechselte sie aber in die Pappe-Produktion der Spreemühle: „Das war anstrengender, hat mir aber gefallen.“

Die Wende erlebte sie mit Sorge: „Keiner wusste, wie es weitergeht.“ Nach dem Verkauf des Betriebs wird sie zwar wieder eingestellt. Aber sie zweifelt. „Der neue Chef war ja noch so jung – ich dachte: Ob der das packt?“ Bald wächst ihr Vertrauen: „Es ging wirklich bergauf.“ Und heute sagt sie mit allem Respekt: „Es gehört schon was dazu, die Verantwortung für so einen Betrieb und die Menschen dort zu übernehmen!“

 

Info: Treuhand

Die Treuhandanstalt wird in der Spätphase der DDR gegründet, um volkseigene Betriebe zu privatisieren. Im Juli 1990 sind ihr etwa 8.500 Betriebe mit über 4 Millionen Beschäftigten unterstellt. Doch die Produktivität ist oft zu gering und Märkte in Osteuropa brechen weg – viele Werke machen dicht. Die Ende 1994 aufgelöste Treuhand erzielt nicht etwa Gewinn, sondern hinterlässt Staatsschulden von etwa 250 Milliarden D-Mark.

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