Dem Molekül auf der Spur

Multiple Sklerose: AbbVie entwickelt in Ludwigshafen neue Medikamente

2,5 Millionen Menschen leiden weltweit an Multipler Sklerose. Wissenschaftler in Ludwigshafen forschen jetzt daran, wie sich mithilfe eines neuen Moleküls die schlimmen Folgen wie Lähmungen verringern lassen.

Angriff: Das Bild zeigt die zerstörte Myelinhülle einer Nervenzelle. Foto: Fotolia

Angriff: Das Bild zeigt die zerstörte Myelinhülle einer Nervenzelle. Foto: Fotolia

Fokussiert: Corinna Klein und Kollege Yifang Cui prüfen Ergebnisse. Foto: Sandro

Fokussiert: Corinna Klein und Kollege Yifang Cui prüfen Ergebnisse. Foto: Sandro

Teamwork im Labor: Christopher Untucht (links) mit Leiter Axel Meyer. Foto: Sandro

Teamwork im Labor: Christopher Untucht (links) mit Leiter Axel Meyer. Foto: Sandro

„Unser Ziel ist es, das Fortschreiten der Krankheit zu stoppen.“ Alfred Hahn, Forschungsleiter der Neurologie bei AbbVie. Foto: Sandro

„Unser Ziel ist es, das Fortschreiten der Krankheit zu stoppen.“ Alfred Hahn, Forschungsleiter der Neurologie bei AbbVie. Foto: Sandro

Ludwigshafen. Sehstörungen, Lähmungen und Muskelschwäche – die Kontrolle über den Körper zu verlieren, ist brutal. So aber geht es etwa 2,5 Millionen Menschen weltweit, meist jungen Erwachsenen. Sie haben Multiple Sklerose (MS).

Allein hierzulande sind laut der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft 200.000 Menschen erkrankt. Wissenschaftler forschen intensiv daran, die Krankheit in den Griff zu bekommen.

Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark

Auch in Ludwigshafen beim Biopharma-Spezialisten AbbVie: Rund 1.900 Mitarbeiter sind am Standort beschäftigt, darunter 1.000 Forscher. Sie entwickeln innovative Therapien gegen Krankheiten wie Hepatitis C, Krebs, Alzheimer, Parkinson – und Multiple Sklerose.

Als Ursache von MS gilt eine Autoimmunreaktion: Das heißt, Abwehrzellen und Antikörper greifen fälschlicherweise die körpereigenen Nerven an. Geschädigt wird vor allem das Myelin, ein Stoff, der die Nervenfasern schützend umhüllt. Die hervorgerufenen Entzündungen treten meist verstreut in Gehirn und Rückenmark auf – und stören vehement die Signale, die das zentrale Nervensystem sendet oder vom Rückenmark empfängt. Das führt oftmals in Schüben zu Nervenschmerzen, Sehstörungen und Lähmungen.

Zwar mindern Arzneien die Symptome. „Die Zerstörung der Nervenzellen und der Myelinhülle schreitet jedoch fort“, sagt Alfred Hahn, Forschungsleiter der Neurologie. Sein Team verfolgt deshalb einen neuen Ansatz: „Wir untersuchen ein Molekül, das die Myelinschicht und verletzten Nervenzellen regeneriert – mit dem Ziel, das Fortschreiten der Krankheit zu stoppen“, erläutert Hahn.

Vor den Forschern liegt noch ein langer Weg. Gegenwärtig und in den kommenden Jahren wird der Ansatz in Studien sorgfältig auf Sicherheit und Wirksamkeit geprüft.

„Unser Ziel ist es, geschädigte Nerven im Gehirn und am Rückenmark tatsächlich reparieren zu können“, betont Hahn. Für die Patienten würde das eine enorme Verbesserung bedeuten. „Rückschläge kann man aber leider bis zuletzt nie ausschließen“, so der Fachmann.

Sehstörungen sind oft erste Symptome

Die größte Herausforderung: Viele wesentliche Aspekte des zentralen Nervensystems sind bis heute unerforscht. Eine wichtige Frage lautet: Welcher Mechanismus hindert es eigentlich daran, seine Nervenzellen von selbst zu regenerieren? „Wir wissen, dass es diesen Vorgang aktiv unterdrückt und haben die molekularen ‚Stoppschilder‘ identifiziert“, sagt Bernhard K. Mueller, Neurobiologe und Pharmakologe bei AbbVie. Tests mit Nervenzellen belegen eindeutig, dass eine Wiederherstellung grundsätzlich möglich ist und verlorene Funktionen zurückkehren.

Neue Erkenntnisse fließen umgehend in die Arbeit ein: Corinna Klein leitet in Ludwigshafen das Labor Multiple-Sklerose-Modelle und überprüft beispielsweise die Veränderungen der Nervenfasern in der Netzhaut.

Das Auge ist hier ein wichtiger Anhaltspunkt: „Sehstörungen sind in vielen Fällen die ersten Symptome, die MS-Erkrankte feststellen“, sagt Klein. Ebenfalls im Haus brütet das Team um Axel Meyer über Technologien, die einen potenziellen Wirkstoff überhaupt an sein Ziel transportieren. Ein Schutzmechanismus im Körper (die Blut-Hirn-Schranke) verhindert nämlich, dass fremde Substanzen ins Gehirn wandern.

„Nur 0,1 Prozent biologischer Antikörper passieren die Barriere“, sagt Meyer. Im Reagenzglas testet man derzeit Systeme wie spezielle Proteinkapseln. Im Idealfall findet man „eine Palette“ geeigneter Technologien.


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