Betriebe und Beschäftigte profitieren vom neuen Rhythmus

Modernere Schichtarbeit – wie das aussieht, zeigen die Betriebstechniker von Phoenix Contact

Blomberg. „Nimm 2 – und Naschen ist gesund!“ Der geniale Werbespruch für ein Lutschbonbon ist längst ein Klassiker. Und was hat er immer wieder für Diskussionen ausgelöst: Kann ein Bonbon denn gesund sein?

Bei der Schichtarbeit dagegen gibt es aus Sicht von Experten nichts zu deuteln: „Nimm 2 – und Nachtschicht ist gesund!“ So spitzen es Arbeitsmediziner zu, die „ergonomische Schichtmodelle“ propagieren. Und die praktische Erfahrung, zuletzt etwa bei Phoenix Contact in Blomberg (nahe Bielefeld), gibt ihnen recht.

Der Kerngedanke: Schon nach jeweils zwei Tagen wird von der Früh- zur Spät- und dann zur Nachtschicht gewechselt. Der große Vorteil: Durch die nur zweitägige Nachtschicht-Periode muss sich der Körper nicht so sehr umstellen wie bei der üblichen Fünf-Tage-Variante, der Mitarbeiter kommt schneller wieder in den normalen Schlafrhythmus.

Das Konzept ist nicht neu. „Dass ergonomisch gestaltete Schichtsysteme menschengerechter sind, wissen wir im Prinzip seit über 20 Jahren“, erklärt Diplompsychologin Corinna Jaeger, Arbeitszeitexpertin am Instiut für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa) in Düsseldorf.

Alle waren skeptisch – aber die praktische Erfahrung überzeugte

Warum hapert es mit der Umsetzung in die Praxis? „Unbegründete Vorbehalte, Angst vor Neuem – aber auch simple Gewohnheit“, hat Jaeger beobachtet. Aber sie ist sicher: „Wegen der alternden Belegschaften wird das Thema jetzt noch relevanter. Arbeitszeitsysteme müssen alternsgerecht gestaltet werden – insbesondere bei der Schichtarbeit.“

Auf einen gründlichen Test des Zwei-Tage-Modells ließen es die Betriebstechniker von Phoenix Contact ankommen.

Holger Westphal und seine Kollegen sorgen dafür, dass beim Weltmarktführer in der Elektrotechnik für Industrieanlagen immer alles funktioniert – von der Heizung über die Klimaanlage bis zur Notstromversorgung: „Wir sind die schnelle Eingreiftruppe, die 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche vor Ort sein muss.“

Vorbehalte gab es reichlich. „Hier war jeder skeptisch“, sagt Westphal, „wir hatten Angst, durch die raschen Schichtwechsel durcheinanderzukommen.“

Auch Personalabteilungsleiter Frank Jordan wusste um die Bedenken: „Der Mensch hält eben gern an gewohnten Abläufen fest.“ Mitarbeiter, Betriebsrat und Unternehmen hätten sich daher an einen Tisch gesetzt und einen halbjährigen Testlauf vereinbart. „Dann kippte die Stimmung innerhalb kürzester Zeit ins Positive“, so Jordan, „nach einem Jahr war klar: Das lassen wir so!“

Betriebstechniker Dominik Ohms etwa ist sehr zufrieden. „Mein Körper gewöhnt sich nicht mehr an den ,falschen‘ Nacht-Rhythmus, und ich bin einer der wenigen Väter, die Schicht arbeiten und trotzdem ihr Kind in den Kindergarten bringen können.“ Fazit von ihm und Westphal: „Leute, probiert es einfach mal aus!“

Von den rund 4.000 Phoenix-Contact-Beschäftigten am Standort Blomberg arbeiten 1.100 „auf Schicht“. Für die allermeisten ist „Nimm 2“ noch Zukunftsmusik – nur für die kleine Truppe der Betriebstechnik ist der Drops sozusagen gelutscht. „Nach den für alle vorteilhaften Erfahrungen würden wir das gerne ausweiten“, sagt Personaler Jordan.

Für ifaa-Expertin Jaeger ist das positive Echo keine Überraschung. „Ergonomische Schichtsysteme können dazu beitragen, dass Krankenstände sinken“, sagt sie. Und die Mitarbeiter könnten so bis zur regulären Rente Schichtarbeit leisten – in einem alternsgerechten Modell.


Hintergrund

Was Wissenschaftler empfehlen

  • „Ergonomische Schichtmodelle“ wechseln die Schichtart oft schon nach zwei Tagen, und zwar „vorwärts rollierend“.
  • Ein Beispiel: Montag und Dienstag – Frühschicht von 6 bis 14 Uhr, Mittwoch und Donnerstag – Spätschicht von 14 bis 22 Uhr, Freitag und Samstag – Nachtschicht von 22 bis 6 Uhr. Dann folgen vier freie Tage, bevor es mit einer Frühschicht am Donnerstag weitergeht.
  • Ein wichtiger Vorteil: Beim Wechsel zwischen den Schichtarten entstehen 8 Stunden zusätzliche Ruhezeit (24 statt der üblichen 16 Stunden).
  • Das Institut für angewandte Arbeitswissenschaft zeigt Beispiele in einem neuen Film:

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