Freihandelsabkommen mit USA

Mittelstand sieht in TTIP große Chancen – Beispiele aus Baden-Württemberg

Stuttgart/Sindelfingen. Zehntausende verschiedene Kabel hat der Stuttgarter Hersteller Lapp im Angebot. Dazu kommen spezielle Anfertigungen nach Kundenwunsch. Für Firmen-Chef Andreas Lapp liegt es deshalb auf der Hand, welche Vorteile ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und der Europäischen Union hätte. Die geplante Vereinbarung TTIP – die Abkürzung steht für Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft – würde Lapp das Leben leichter machen, denn die technischen Normen für Kabel und Steckverbindungen sind auf beiden Seiten des Atlantiks bis heute völlig unterschiedlich. „Wenn wir ein in Deutschland entwickeltes Produkt in einem Land außerhalb der EU auf den Markt bringen wollen, müssen wir es dort erneut zertifizieren lassen“, erklärt der Vorstandsvorsitzende des Familienkonzerns. Und das bedeute einen enormen Kosten- und Zeitaufwand.

Mit TTIP würden auch die technischen Normen vereinheitlicht, das hilft der Metall- und Elektro-Industrie, auch im Südwesten. Ein Kabel oder eine Steckverbindung, die in Europa zugelassen sind, dürften in den USA verkauft werden – ohne weitere Prüfungen. „Wir könnten in manchen Fällen mehrere Jahre bei der Markteinführung neuer Produkte sparen“, schätzt Lapp.

Mit ähnlichen Problemen wie der Stuttgarter Kabelhersteller hat auch der Sindelfinger Kälte- und Klimatechnikspezialist Bitzer zu kämpfen, etwa bei seinen Druckbehältern. In Europa werden die aus hochwertigerem, aber dafür dünnerem Material gefertigt. In den USA müssen die Wände der Behälter dicker sein, dafür darf einfacheres Material verwendet werden.

Sowohl Lapp als auch Bitzer produzieren für amerikanische Kunden auch an Standorten in den USA. Doch das verringert die Mehrbelastung der Unternehmen nur teilweise: „Wir müssen viele Arbeiten zweimal machen“, erklärt Produktionsgeschäftsführer Christian Wehrle die Folgen der unterschiedlichen Standards. So müssen Teile und Produktionsverfahren doppelt entwickelt und die technischen Dokumentationen zweifach formuliert werden.

Standards für andere Regionen möglich

Was der zusätzliche Aufwand kostet, lasse sich schwer beziffern, sagt Wehrle. „Es bindet Ressourcen“, setzt er hinzu, und das sei für einen Mittelständler wie Bitzer ein Problem. Wer direkt in die USA exportiert, kann den Vorteil, den TTIP bringen würde, dagegen sehr exakt benennen. Von 30 Millionen Euro, für die man Waren in die USA exportiere, entfalle 1 Million auf die Zölle, erklärt Hans-Eberhard Koch, Chef der Witzenmann-Gruppe aus Pforzheim.

Wenn sich EU und USA auf technische Standards einigen, würden die möglicherweise in anderen Märkten übernommen, hoffen die mittelständischen Unternehmer. Europa alleine sei zu klein, um zum internationalen Maßstab zu werden.

Was die USA für Baden-Württemberg bedeuten

Stuttgart. Was hat der Durchschnittsbürger vom geplanten Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den USA, fragen sich viele Menschen. Mehr Wohlstand und die Sicherung vieler Arbeitsplätze, antworten Wirtschaftswissenschaftler.

So schätzt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), dass rund 600 000 Arbeitsplätze in Deutschland von den Exporten in die Vereinigten Staaten abhängen. Besonders viele sind es in Baden-Württemberg. Denn die heimische Industrie ist im US-Geschäft ausgesprochen stark. 23,8 Prozent aller deutschen Ausfuhren in die USA kommen aus dem Südwesten. Nur Bayern exportiert mit 24 Prozent noch etwas mehr.

Dafür ist Baden-Württemberg größter Importeur amerikanischer Waren. Ins Land kommen aber im großen Stil weder Steaks noch das viel zitierte gechlorte Geflügel, sondern Pharmaprodukte und Autoteile.

Die Fahrzeughersteller und ihre Zulieferer sind es auch, die am meisten Geschäft in den USA machen. Sie stellen nämlich mehr als 45 Prozent aller baden-württembergischen Ausfuhren über den Atlantik. Danach kommen mit Maschinenbauern und Elektronikgeräte-Herstellern weitere Branchen aus der Metall- und Elektro-Industrie.

Die USA sind für Baden-Württemberg der wichtigste Handelspartner. 2014 wurden Waren für 21 Milliarden Euro dorthin exportiert, so das Statistische Landesamt. Und die USA werden immer wichtiger. Der Abstand zu China und Frankreich wächst.


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