Ganz schön lang

Mit Faserbändern von BWK ließe sich fast neunmal die Erde umwickeln

Bremen. Ali Görgülü lässt ein Band feiner Fasern durch die Hände gleiten. Ein Meter davon wiegt nur 20 Gramm. Das Leichtgewicht läuft durch eine Streckmaschine des Textilfaserband-Herstellers BWK Chemiefaser in Bremen. Es ist weich, weiß, glatt – und hat eine gleichmäßige Struktur. „Weil die Maschine das Fasermaterial in die Länge zieht“, sagt der Maschinenführer, während er erneut das Band abtastet.

Dabei achtet er auch darauf, dass die Maschine die Bänder aus Viskose, Polyester oder Polyamid gleichmäßig weitertransportiert. Sie fallen dann – ordentlich geschichtet – in einen farbigen Behälter.

„Diese Textilfaserbänder sind unsere Spezialität. Sie bestehen zu 100 Prozent aus Synthetikfasern“, erklärt Matthias Mantwill, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens. Kammgarn-Spinnereien in der ganzen Welt setzten diese Produkte ein. Knapp 90 Prozent davon gehen in den Export. Hauptabnehmerland ist die Türkei. Dort sitzen die größten Strickgarn-Hersteller der Welt.

Sie verspinnen die Faserbänder in Mischung mit Schurwolle oder Acryl zu Kammgarnen, aus denen Socken, Damenpullover oder Herrenanzüge entstehen. „Auch Garne für Heimtextilien und hochwertige Schutzbekleidung bestehen oft aus BWK-Faserbändern“, so Mantwill.

Dass aus den etwa 90 Millimeter langen Einzelfasern letztendlich ein Textilfaserband wird, dafür sorgen Oktay Atar und seine 40 Kollegen in der Produktion: „Hier kennt sich jeder mit allen Maschinen aus. Wir können uns gegenseitig zur Hand gehen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende. Jährlich produziert die Firma etwa 7.000 Tonnen synthetisches Faserband. Mit einer Gesamtlänge von 350 Millionen Metern. Das würde für knapp neun Erdumrundungen reichen. Jahresumsatz: 24 Millionen Euro. BWK besetzt im 70 Millionen Tonnen schweren europäischen Fasermarkt zwar nur eine Nische – doch der Erfolg des ehemaligen Tochterunternehmens der Bremer Woll-Kämmerei AG zählt doppelt. Denn vor gut sechs Jahren wäre es fast vom Markt verschwunden.

Damals zog sich der Alleingesellschafter, ein australisches Unternehmen der Agrarbranche, zurück. „Das waren harte Zeiten für uns. Die Kollegen waren sehr skeptisch, wie es weitergehen sollte“, erinnert sich Betriebsratschef Atar.

Mantwill, damals noch angestellter Geschäftsführer, krempelte das Unternehmen zusammen mit einem Partner mehr als ein Jahr lang um: „Wir wussten, die Firma hat Substanz.“ Also zogen alle an einem Strang. Die Belegschaft akzeptierte längere Arbeitszeiten bei gleicher Bezahlung, die Geschäftsführung klapperte Kunden für neue Aufträge ab, hielt Lieferanten bei Laune, verhandelte mit Banken über Kredite – und versprach, zu investieren.

So wagten die Bremer den Neustart. Mantwill: „Mitte 2010 haben wir es dann gepackt“ – und er selbst löste mittlerweile ein großes Versprechen ein: Unweit von Ali Görgülüs Arbeitsplatz steht jetzt eine neue Faserveredelungsanlage.

Die kann bald einen Gang zulegen, denn das Frühjahr ist in der Mode-Branche Orderzeit. Mantwill: „Dann muss wieder viel Kammgarn gesponnen werden.“

 

 


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