Textilindustrie

Mit 90 neu gestartet


Pensionslasten drücken die TAG in die Insolvenz – wenig später sind fast alle Jobs gerettet

Krefeld. Eine traditionsreiche Firma hat treue Kunden, gute Mitarbeiter, hochklassige Produkte, marktgerechte Preise – und muss trotzdem Insolvenz anmelden: so geschehen bei

der Krefelder TAG. Geschäftsführer Jürgen Farrenkopf er-klärt, warum es nach fast

90 Jahren im Geschäft zur Pleite kam. Und wie das Unternehmen ein paar Monate

später den Neustart schaffte.

Das größte Problem war im Tagesgeschäft gar nicht zu bemerken: Ein Versorgungswerk für ehemalige Mitarbeiter verschlang 5 Prozent vom Um-satz – Jahr um Jahr. „Wir haben mit 240 Mitarbeitern 800 Rentner versorgt“, sagt Farrenkopf, „so ein Rucksack ist auf Dauer nicht mehr schulterbar.“

Dass die Last so schwer werden würde, das war wohl nicht zu ahnen, als vor Jahrzehnten die Pensionszusagen gemacht wurden. Vor dem brutalen Strukturwandel der deutschen Textilindustrie hatte die TAG mehr als 2.000 Beschäftigte. Als das Versorgungswerk 1983 geschlossen wurde, hatten die meisten der damals Beschäftigten den Anspruch auf eine spätere  Extra-Rente erworben.

Treue Kunden, treue Belegschaft

Ebenfalls fernab der täglichen Produktion hatten sich zudem frühere Gesellschafter bei Immobilien-Geschäften in den damals neuen Bundesländern verhoben. Als Farrenkopf vor sieben Jahren das Ruder übernahm, lebte das Unternehmen „aus dem Cash Flow“ – also von der Hand in den Mund. „Dann genügt eine Umsatz-Delle für die Zahlungsunfähigkeit“, weiß Farrenkopf. Diese Delle kam, als ein Großauftrag ausblieb: Ende 2006 war die alte TAG insolvent.

Zum Glück erkannte auch der Insolvenzverwalter schnell, dass das Kerngeschäft solide war. In Farrenkopfs Worten: „Es gab keine operativ nachhaltigen Probleme.“ Der Beweis: „Wir haben bis heute keinen einzigen Kunden verloren – und kein Mitarbeiter hat die Firma verlassen, obwohl es Abwerbeversuche gab“, erklärt der Chef, „diese Loyalität ist für mich beeindruckend.“ Umso bitterer, dass nicht alle Kollegen an Bord bleiben konnten. „Wir haben einen verlust- trächtigen Bereich dichtgemacht“, räumt Farrenkopf ein, „aber unter dem Strich 220 von 240 Stellen erhalten: Das ist ein vertretbares Er-gebnis.“ Eine Transfer-gesellschaft fing die Gekündigten fürs Erste auf.

Damit nicht alle Lichter ausgingen, musste frisches Kapital her. Der gute Ruf der Firma lockte Geldgeber an: „Wir hatten ein Dutzend potenzieller Investoren auf dem Hof.“ Die TAG-Mehrheit gehört nun der örtlichen Kleinewefers Beteiligungs-GmbH. „Das ist von beiden Seiten auf Langfristigkeit angelegt“, sagt Farrenkopf, „wir wollten keinen Investor, der in ein paar Jahren Kasse macht.“

Betriebsrenten sind geschützt

Mit dem Neuanfang kam ein neuer Name: „TAG Composites & Carpets“. Damit sind die zwei wesentlichen Geschäftsfelder benannt: Die Firma sieht sich europaweit als Marktführer bei der Lohnveredelung von Teppichböden („Carpets“) und als eine der besten Adressen für

die raffinierte und innovative Beschichtung von textilen Verbundwerkstoffen („Composites“). TAG-Rollenware steckt zum Beispiel in Auto-Schiebedach-Rollos, in Kampfanzügen und in Förderbändern.

Weil der Neustart so schnell gelang, hat die verbliebene Be- legschaft durch die Insolvenz praktisch kaum Einbußen erlitten. Auch die Betriebsrentner nicht – an sie zahlt nun der Pensions-Sicherungs-Verein. Dass diese Einrichtung in die Bresche springen musste, wurmt den TAG-Chef immer noch: „Ich bin nicht stolz darauf, dass die Pensionslast nun von der Allgemeinheit getragen werden muss – aber es gab keinen anderen Weg.“

Thomas Hofinger

 

Info: Pensions-Sicherungs-Verein

Firma pleite – Betriebsrente futsch? Von wegen! Schon seit 1974 schützt der „Pensions-Sicherungs-Verein“ (PSV) die Ansprüche westdeutscher Arbeitnehmer. Als Einrichtung der Wirtschaft mit gesetzlichem Auftrag sichert dieser Verein seit 1992 auch Betriebsrenten in den neuen Bundesländern ab.

Finanziert werden die Leistungen des PSV über eine Umlage der Arbeitgeber: Gut 70.000 Unternehmen sind beitragspflichtig – ihre Zahlungen summierten sich in manchen

Jahren auf mehr als 1 Milliarde Euro. Geschützt werden so inzwischen rund 10,2 Millionen Menschen: Betriebsrentner und Arbeitnehmer mit unverfallbaren Anwartschaften.

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