Entgeltforderung

Metall- und Elektro-Firmen warnen vor steigenden Kosten

Nürnberg/Augsburg/Marktredwitz. Es geht um die Zukunft des größten Industriezweigs: Vor dem Hintergrund der Tarifverhandlungen macht man sich in den Unternehmen der bayerischen Metall- und Elektroindustrie (M+E) ernsthaft Sorgen. Denn die IG Metall beharrte auch in der zweiten Runde der Gespräche auf ihrer Forderung von 5,5 Prozent mehr Entgelt. Das wäre happig – und könnte die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe gefährden.

Höhere Kosten an heimischen Standorten sind für bayerische M+E-Unternehmen besonders problematisch: Die Firmen sind sehr eng mit der globalen Wirtschaft verflochten. Ihr Exportanteil beträgt 61 Prozent, und sie beziehen einen hohen Teil an Vorleistungen aus dem Ausland. Die Welt ist für sie mittlerweile klein, die Konkurrenz dagegen groß. Wer ins Hintertreffen gerät, ist schnell einen Teil des Geschäfts los.

Deshalb müssen neben der Qualität auch die Kosten stimmen. Und die werden auch im Zeitalter von Maschinen und in einem hochproduktiven Land wie Deutschland stark von den Ausgaben fürs Personal bestimmt.

Im Kampf um Aufträge herrscht hoher Preisdruck

Im internationalen Wettbewerb behaupten muss sich etwa der fränkische Autozulieferer Leoni in Nürnberg, ein Hersteller von Drähten, Kabeln und Bordnetzen. „Der Preisdruck, den unsere Kunden auf uns ausüben, ist enorm“, sagt der Vorstandsvorsitzende Klaus Probst. Insbesondere die Konkurrenz aus Osteuropa und Asien dränge derzeit mit innovativen und günstigen Produkten auf den Markt.

Hinzu kommen etablierte Rivalen, die im Aufwind sind: „Amerikas Industrie gewinnt an Stärke zurück“, berichtet Probst. „Und auch Firmen in EU-Staaten werden durch Arbeitsmarktreformen wieder wettbewerbsfähiger.“

Leoni fertigt – auch aus Kostengründen – bereits heute größtenteils im Ausland. In Osteuropa, etwa in Rumänien und in der Ukraine, sowie in Nordafrika, China und Mexiko. Besonders stark globalisiert ist das größte Geschäftssegment: die Bordnetz-Systeme, also komplette Kabelsätze für Autos. Deren Produktion ist sehr arbeitsintensiv und wäre daheim schon länger viel zu teuer.

Laut einer neuen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) kostete eine Arbeitsstunde in der westdeutschen Industrie 2013 im Schnitt fast 39 Euro. Das ist weltweit der sechsthöchste Wert. In Mexiko lagen die Kosten bei 5 Euro, in China bei 4,50 und in Rumänien bei 4 Euro.

Spezialkabel und Kabelsysteme für andere Industriezweige wie die Bahn- oder die Medizintechnik fertigt Leoni in Deutschland. Wo viel Spezialwissen gefragt ist, fallen die hohen Arbeitskosten als Standortnachteil nicht ganz so stark ins Gewicht. In Kitzingen bei Würzburg steht zudem ein großes Entwicklungszentrum für Pkw- und Lkw-Kabelsysteme. Insgesamt beschäftigt Leoni 4.300 Menschen im Inland.

Den heimischen Standorten hat es nicht gerade geholfen, dass die Arbeitskosten insgesamt zuletzt aus dem Ruder gelaufen sind: Sie stiegen viel stärker als die Produktivität – sodass die preisliche Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zum Ausland stark gelitten hat. Das gilt auch für Konkurrenten wie China, Indien oder Südkorea. Dass diese im IW-Vergleich der Lohnstückkosten fehlen, liegt daran, dass es an verlässlichen Daten zur Produktivität mangelt.

Nun stehen wegen des Kostennachteils noch nicht gleich Stellen-Verlagerungen an. Auch nicht bei Leoni. Trotzdem könnte ein erneut hoher Tarifabschluss Folgen haben: „Wenn die Arbeitskosten deutlich steigen, werden unsere Produkte zwangsläufig teurer“, warnt Probst. „Die Kunden kaufen dann bei der Konkurrenz im Ausland.“ Das sei keine politisch motivierte Schwarzmalerei, versichert er: „Wir müssen die Kosten sehr genau im Blick behalten.“ Denn ausschlaggebend dafür, wo in Zukunft Arbeitsplätze entstünden, seien die Personalkosten. „Sie sind der entscheidende Faktor. Die Kosten für Material und Rohstoffe sind überall weitgehend gleich.“


Beispiel Leoni: Die Konkurrenz steht bereit

Neue Wettbewerber in Asien, wiedererstarkte Rivalen in Amerika: Der Nürnberger Autozulieferer und Kabelhersteller Leoni kämpft überall mit der internationalen Konkurrenz. Höhere Arbeitskosten für die Standorte in Deutschland kämen da zum falschen Zeitpunkt, warnt der Vorstandsvorsitzende Klaus Probst. Eine Verlagerung von Arbeitsplätzen steht zwar aktuell nicht zur Debatte. Allerdings: „Wir müssen die Kosten sehr genau im Blick behalten. Wenn wir teurer werden, kaufen die Kunden bei der Konkurrenz im Ausland.“

Globaler Wettbewerb ist viel intensiver geworden

Auch die Industrieholding Greiffenberger AG in Augsburg muss an ihren beiden bayerischen Standorten immer stärker mit der internationalen Konkurrenz kämpfen. Die Tochterfirma ABM produziert im oberfränkischen Marktredwitz mit rund 560 Mitarbeitern Antriebstechnik, die Tochter Eberle in Augsburg stellt mit etwa 260 Beschäftigten Präzisionsbandstahl und Metallbandsägeblätter her. Der Exportanteil beträgt bei ABM 57 Prozent und bei Eberle 90 Prozent.

„Die Intensität des globalen Wettbewerbs hat deutlich zugenommen“, sagt der Vorstandsvorsitzende Stefan Greiffenberger. Und dabei verlören leider die heimischen Betriebe im Vergleich zur Konkurrenz im Ausland an Attraktivität: „Wir werden teurer, und die anderen holen auf.“

Auch dieser Unternehmer beobachtet, dass insbesondere Wettbewerber aus Schwellenländern technisch vorankommen und die Preise drücken. In dieser schwierigen Situation hätten seine Unternehmen ABM und Eberle – aber auch viele andere Betriebe – an ihren Standorten in Bayern mit hohen Kosten zu kämpfen.

Es geht um Spielraum für Investitionen

Ein großes Ärgernis sind für Greiffenberger in diesem Zusammenhang auch die Strompreise. Das Tochterunternehmen Eberle gibt bei einem Jahresumsatz von 40 Millionen Euro über 2 Millionen Euro für Strom aus, also mehr als 5 Prozent. Wegen der diversen staatlich veranlassten Mehrkosten ist das ein schwerwiegender Nachteil im internationalen Wettbewerb – und zwar unabhängig davon, ob die Weltmarktpreise für Energie gerade steigen oder wie zuletzt eher sinken. Die Industrie zahlt bei uns 50 Prozent mehr für Strom als in Frankreich und mehr als doppelt so viel wie in den USA.

Der allein aus diesem Umstand resultierende Kostennachteil für Eberle beträgt demnach, im Vergleich zur französischen Konkurrenz, fast 2 Prozent vom Umsatz. Das wäre bei einigen anderen Unternehmen schon die Rendite. „Diese zusätzlichen Ausgaben muss man erst einmal erwirtschaften“, sagt Greiffenberger. Der Wettbewerbsdruck werde so noch höher, als er ohnehin schon sei. Und: „Was man für Strom ausgibt, fehlt für wichtige Investitionen. Und bei übermäßig steigenden Arbeitskosten wird der Spielraum dann eben noch geringer.“

Deshalb hofft man in Bayerns Metall- und Elektroindustrie jetzt darauf, dass ein moderater Tarifabschluss die Kostensituation nicht noch weiter verschärft. Und auch darauf, dass er möglichst viele flexible Elemente enthält: Damit die Betriebe, falls es die Geschäftslage erfordern sollte, Gestaltungsmöglichkeiten haben.

Wie schnell heutzutage die Entwicklung in einzelnen Branchen und Geschäftsbereichen auseinanderlaufen kann, hat man in der Greiffenberger AG gerade erst an den eigenen Töchtern gesehen: Während der Umsatz in den ersten neun Monaten 2014 bei Eberle um 2 Prozent höher lag als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, ist er bei ABM um 6 Prozent gesunken.

„Plötzliche Schwankungen des Geschäfts wird es in Zukunft wahrscheinlich noch häufiger und heftiger geben“, prognostiziert der Vorstandschef. Deshalb sei es erforderlich, im Ernstfall bei den Arbeitskosten flexibel auf betrieblicher Ebene reagieren zu können: „Es wird immer wichtiger werden, dass Unternehmen und Mitarbeiter in schwierigen Zeiten gemeinsam handeln.“

Beispiel Greiffenberger: Schon der Strom sorgt für Kostennachteile

Ein moderater Tarifabschluss – darauf hofft die Augsburger Industrieholding Greiffenberger AG nicht zuletzt deshalb, weil sie bereits an anderer Stelle kostenmäßig im Hintertreffen ist: „Für den Strom zahlen Konkurrenten in Frankreich gut ein Drittel weniger als wir“, klagt der Vorstandsvorsitzende Stefan Greiffenberger. Er spricht sich zudem eindringlich für zusätzliche flexible Elemente im Flächentarifvertrag aus – weil sich Branchen zunehmend unterschiedlich entwickeln. Ein Beispiel dafür liefern aktuell die beiden Tochterunternehmen ABM und Eberle.

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