Von der Werkbank in den Hörsaal

Mehr Aufstiegschancen für Facharbeiter

Frankfurt. Ein Studium im Anschluss an eine abgeschlossene Berufsausbildung ist bisher nur mit erfolgreicher Abiturprüfung möglich. Geht es jedoch nach den hessischen Unternehmern, soll sich das bald ändern.

Das Berufsabitur, ein sechsmonatiges Zusatzangebot für Azubis an beruflichen Schulen, soll nach erfolgreicher Prüfung den Weg von der Werkbank an die Hochschule ebnen. „Abitur und berufliche Ausbildung sind gleichwertige Bildungsgänge und sollten daher auch die gleichen Bildungsoptionen eröffnen“, so Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU).

Hessische Wirtschaft fordert zügige Umsetzung der Reform

Während früher der weit überwiegende Teil der erwerbstätigen Bevölkerung eine Lehre begann und so in Betrieb und Berufsschule ausgebildet wurde, geht nun bereits die Hälfte eines Jahrgangs lieber in eine theorieorientierte akademische Ausbildung an die Hochschulen.

Die hessische Wirtschaft fordert deshalb, das seit Jahrzehnten unveränderte Bildungssystem an aktuelle Anforderungen anzupassen, da es sonst den Fachkräftemangel in der derzeitigen Form noch verschärfe. Dies zeigen die Prognosen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Zwischen den Jahren 2025 und 2030 werden demnach rund 360.000 Hochschulabsolventen mehr auf den Arbeitsmarkt drängen, als im gleichen Zeitraum Akademiker in Rente gehen. Zeitgleich werden aber etwa 1,18 Millionen Stellen mit erforderlichem dualen Berufsabschluss nicht mehr zu besetzen sein.

Deshalb möchte die hessische Wirtschaft den Weg über die duale Berufsausbildung auch für die Jugendlichen attraktiv machen, die sich bislang die Option zum Studium offenhalten wollen.

Unterstützung erhält sie dabei von der Fachkräftekommission Hessen. Bereits vor zwei Jahren hat die verschiedene Handlungsfelder und Maßnahmen vorgeschlagen, um die drohende Facharbeiterlücke zu schließen.

Die VhU, die Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit und der Deutsche Gewerkschaftsbund Hessen-Thüringen legten nun eine Zwischenbilanz vor und forderten eine zügige weitere Umsetzung des Reformprogramms.

In einer Podiumsdiskussion im Frankfurter Haus der Wirtschaft analysierten Experten das Konzept. Schon jetzt habe sich vieles bewegt, so Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen. So stieg die Teilnahme am Erwerbsleben bei Frauen, Schwerbehinderten, Älteren und Migranten bereits deutlich an.

„Veränderungsbedarf ist unübersehbar“

Ein wichtiges Handlungsfeld bleibe die immer noch hohe Zahl von Jugendlichen im sogenannten Übergangsbereich von Schule und Beruf. „Wir müssen Warteschleifen vermeiden und die Chancen auf einen direkten Einstieg in den Beruf erhöhen.“ Von „unnötigen Bremsklötzen in der Biografie eines Menschen“ sprach Sandro Witt, stellvertretender Vorsitzender des DGB Hessen-Thüringen: „Der Veränderungsbedarf in der beruflichen Bildung ist unübersehbar.“

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), stellte fest: „Nach über 100 Jahren erfolgreicher dualer Ausbildung ist sie damals wie heute ein hochattraktives Angebot.“


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