Inklusion in der Arbeitswelt

Mann+Hummel-Betriebsrat hilft Kollegen mit Handicap

Hans-Peter Benzinger hat bei einem Unfall vor 30 Jahren einen Arm verloren. Trotz der Behinderung macht er beim Autozulieferer Mann+Hummel seinen Weg und setzt sich als Betriebsrat und Vertrauensmann für Kollegen mit Handicap ein.

Ohne Barrieren: Hans-Peter Benzinger zeigt die neuen Fahrstühle. Foto: Mierendorf

Ohne Barrieren: Hans-Peter Benzinger zeigt die neuen Fahrstühle. Foto: Mierendorf

Engagiert: Der 53-Jährige will die Inklusion voranbringen. Foto: Mierendorf

Engagiert: Der 53-Jährige will die Inklusion voranbringen. Foto: Mierendorf

Integriert: Der Betriebsrat mit einer Kollegin bei der Arbeit. Foto: Mierendorf

Integriert: Der Betriebsrat mit einer Kollegin bei der Arbeit. Foto: Mierendorf

Sportlich aktiv: In seiner Freizeit spielt er Billard. Foto: Werk

Sportlich aktiv: In seiner Freizeit spielt er Billard. Foto: Werk

Ludwigsburg. „Das ist ein typisches Beispiel“, sagt Hans-Peter Benzinger und zeigt auf die mit einem Zugangssystem gesicherte Tür. „Wenn ich einen Laptop oder einen Aktenordner in der Hand habe, kann ich die Tür nicht so einfach öffnen, weil es keine Ablage gibt.“ Benzinger hat bei einem Autounfall seinen linken Arm verloren. Beim Ludwigsburger Autozulieferer Mann+Hummel ist der 53-Jährige nicht nur ein Beispiel dafür, dass man mit Behinderung ohne Einschränkungen arbeiten kann. Er ist auch Vertrauensmann für Mitarbeiter mit Schwerbehinderung, setzt sich seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten für sie ein.

Eigentlich wollte er Bäckermeister werden – mit Prothese unmöglich

Ein Beispiel: der Bau des neuen Technologiezentrums. „Ich war in die Planungen eingebunden“, berichtet Benzinger. Deshalb sind im Neubau jetzt Ablagen an den Sicherheitstüren vorhanden, und die Bodenbeläge sind auch für Rollstuhlfahrer optimal. In den Aufzügen gibt’s nur noch ein Bedienfeld, dass auch aus dem Rollstuhl oder von Kleinwüchsigen bedient werden kann.

Was heißt eigentlich Inklusion? Benzinger bringt es so auf den Punkt: „Behinderte Menschen wollen keine Sonderlösungen, sondern Bedingungen, die ihnen die gleichen Möglichkeiten bieten wie Nichtbehinderten.“

Hans-Peter Benzingers ursprünglicher Lebenstraum hatte sich nach seinem Unfall 1986 zerschlagen: Der gelernte Bäcker wollte den Meister machen und nach Finnland gehen. Doch die Innung ließ ihn nicht zur Prüfung zu, wegen der Armprothese, die er sich in einer aufwendigen Operation hatte anpassen lassen, um weiter voll arbeiten zu können.Die Innung sah in der Prothese ein hygienisches Problem.

Weil er auf eine Umschulung im EDV-Bereich lange hätte warten müssen, bewarb Benzinger sich bei Mann+Hummel. Kurz darauf konnte er bei dem Filter-Spezialisten als Pförtner anfangen. „Ein klassischer Schonarbeitsplatz“, sagt er mit einem Lächeln, doch er sei froh gewesen über die Chance. In anderthalb Jahren stieg er zum stellvertretenden Werkschutzleiter auf. Als der Werkschutz ausgegliedert wurde, wechselte er in den kaufmännischen Bereich, bis er 2014 zum freigestellten Betriebsratsmitglied wurde.

Als Arbeitnehmervertreter habe er sich beworben, um die Interessen der Kollegen mit Behinderung noch besser vertreten zu können, sagt Benzinger. Er habe aber stets beide Seiten im Blick, Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Chancengleichheit ist den Chefs sehr wichtig

In der Chefetage von Mann+Hummel stößt er auf offene Ohren. Thomas John, Personalverantwortlicher der Unternehmensgruppe: „Inklusion ist ein wichtiger Bestandteil unserer Unternehmenskultur. Wir verstehen Chancengleichheit und Vielfalt als Bereicherung.“ Das Unternehmen beschäftigt in Ludwigsburg rund 120 Mitarbeiter mit Schwerbehinderung, das sind über 8 Prozent der Belegschaft. Gesetzlich gefordert sind 5 Prozent.

Für Hans-Peter Benzinger geht das Engagement weiter, wenn er abends die Firma verlässt. Der passionierte Billardspieler bestreitet selbst Wettkämpfe und ist in einem Verband aktiv. Im vergangenen Jahr startete er ein europaweit einmaliges Experiment: eine Mannschaft aus Sportlern mit Handicap, die gegen Teams ohne Einschränkungen antritt, und das mit Erfolg. Seine Prothese braucht Benzinger dazu nicht. Schmunzelnd sagt er: „Die liegt seit dem Ende der Bäckerzeit im Keller.“

     


Persönlich

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?

Durch mein Handicap.

Was reizt Sie am meisten?

Probleme zu beseitigen. Wenn betroffene Arbeitnehmer und der Arbeitgeber noch die Probleme sehen, aber ich schon Lösungen entwickelt habe.

Worauf kommt es an?

Möglichst viele gehandicapte Menschen in einen Beruf zu ­bringen. Es ist ein Ziel von mir, diese Menschen zu integrieren. Und es geht auch darum, alle ­Seiten zu sehen: Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

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