So war die Arbeit anno dazumal

MAN-Beschäftigte hatten vor 90 Jahren nur drei Tage Urlaub

Augsburg. Das gerät im Eifer der heutigen Tarifrunden oft aus dem Blick: Im Lauf der Jahrzehnte haben sich die Dimensionen und die Ansprüche stark verschoben. Früher war alles besser? Das glauben wir natürlich nicht wirklich. Aber man kommt doch ins Staunen, wenn man erfährt, wie viel härter das Leben zu (Ur-)Opas Zeiten war.

Das kann man abstrakt aus Büchern lernen – oder sich ganz konkret vor Augen führen, zum Beispiel im Historischen Archiv des Fahrzeug- und Maschinenbaukonzerns MAN. Nehmen wir also mal ein ganz normales Jahr aus den „Goldenen Zwanzigern“: 1925, die extreme Inflation ist besiegt und die Weltwirtschaftskrise noch weit.

„Für unsere Mitarbeiter gab es damals drei Tage Urlaub im Jahr“, berichtet Gerlinde Simon, die Leiterin des Archivs und des MAN-Museums in Augsburg, während sie in ihren reichhaltigen Unterlagen stöbert.

So richtig Gelegenheit, um mal abzuschalten und die Work-Life-Balance zu pflegen, gab es also nicht. Dabei war die Arbeit normalerweise körperlich viel anstrengender als heute – und sie dauerte viel länger: „Die Wochenarbeitszeit betrug in der Regel 54 Stunden“, weiß Simon. „Damals hatte die Woche natürlich noch sechs Arbeitstage.“

Als Ergebnis dieser Schufterei blieb nicht viel hängen. „Im Augsburger Werk verdienten Facharbeiter 1925 im Durchschnitt 87 Pfennig in der Stunde“, sagt Simon und zeigt die entsprechende Lohntabelle. Dieser Betrag klingt recht mickrig. Und ist es auch: Für den Lohn einer ganzen Stunde Arbeit gab’s im Geschäft zwei bis drei Liter Milch – oder ein halbes Dutzend Eier …

Das hat sich natürlich deutlich verbessert, vor allem durch unsere Soziale Marktwirtschaft. Im Jahr 1949 nahm sich die frisch gegründete Bundesrepublik Deutschland vor, ein sozialer Staat zu sein, das Grundgesetz schlug dafür wichtige Pflöcke ein. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard propagierte „Wohlstand für alle“ – sein Credo: „Allein der Wettbewerb führt dazu, den wirtschaftlichen Fortschritt allen Menschen, im Besonderen in ihrer Funktion als Verbraucher, zugutekommen zu lassen.“ Der Staat müsse allerdings für sozialen Ausgleich sorgen.

Beides gelang. Und der Wohlstand von Otto Normalverbraucher nahm schnell zu. Parallel wurden die von den Tarifparteien ausgehandelten kollektiven Arbeitsbedingungen in der deutschen Industrie immer besser.

1970 zum Beispiel dauerte eine Arbeitswoche in den M+E-Betrieben nur noch 40 Stunden. Selbst Berufsanfängern standen immerhin 16 Arbeitstage Urlaub pro Jahr zu (Beschäftigte über 30 Jahre hatten 21 Tage frei). Und ein junger bayerischer Facharbeiter kassierte damals laut Ecklohn-Statistik pro Stunde 4,98 D-Mark brutto.

Natürlich konnte man sich für diesen Betrag damals noch deutlich mehr kaufen als heute. Aber die Teuerung musste die Mitarbeiter nicht mehr schrecken: Gerade bei Metall und Elektro sind die Entgelte in aller Regel stärker gestiegen als die Verbraucherpreise.

Nicht nur in Sachen Geld und Freizeit ging es seit anno Tobak aufwärts, sondern auch in Sachen Arbeitsschutz und betriebliche Gesundheitsförderung. Das zeigen nicht zuletzt die Statistiken der gesetzlichen Unfallversicherung (die übrigens allein von den Arbeitgebern finanziert wird). Unter dem Eindruck des demografischen Wandels haben viele Betriebe hier ihre Anstrengungen zuletzt weiter verstärkt.

In der Metall- und Elektroindustrie gilt eine tarifliche Wochenarbeitszeit von nur noch 35 Stunden, 30 Tage Urlaub sind selbst für Azubis Standard. Und was verdient ein junger Facharbeiter heutzutage in Bayerns Metall- und Elektrobetrieben? Wer drei Jahre ausgebildet worden ist, kann laut Arbeitgeberverband vbm schon direkt nach der Abschlussprüfung mindestens 17,77 Euro brutto pro Stunde einstreichen, dazu kommt noch das Leistungsentgelt.

Im langfristigen Vergleich also: eine prima Entwicklung.


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