Mehr als eine Luftnummer

Lernen mal anders: Azubis von Boge bauen Druckluft-Fahrrad

Bielefeld. Einmal mit dem Rad ums Firmengelände, ohne in die Pedale zu treten: Das war das Ziel der drei Azubis der Bielefelder Firma Boge. Und womit fährt man, wenn man bei einem Kompressoren-Hersteller arbeitet? Mit Druckluft!

Sarah Beimfohr, Gerrit Kunkel und Julan Meiser haben wohl eines der ersten druckluftbetriebenen Fahrräder der Welt entwickelt, komplett in Eigenregie. Bei Boge sind solche Tüftel-Arbeiten normal: Hier gehören Projekte, die Azubi-Teams selbstständig konzipieren und umsetzen, zur Ausbildung.

„Wir haben schon eine ganze Reihe von Maschinen umgebaut“, erzählt der technische Ausbildungsleiter Friedhelm Kröger. Besonders für die angehenden Mechatroniker sei es wichtig, „dass sie sich etwas selbstständig erarbeiten“.

Lernen, wie die Firma als Ganzes funktioniert

„In den Projekten bringen wir die kaufmännischen und die technischen Azubis zusammen“, ergänzt Personalleiterin Helga Kasper, die zugleich für die kaufmännische Ausbildung zuständig ist. „Wir wollen die klassische Trennung zwischen diesen Ausbildungsberufen überwinden. So lernen unsere künftigen Fachkräfte, wie das Unternehmen als Ganzes funktioniert.“

Gerrit Kunkel und Julan Meiser sind Mechatroniker im dritten Ausbildungsjahr, Sarah Beimfohr macht ein duales Studium der Betriebswirtschaft. Die drei haben ein 28-Zoll-Fahrrad auf retro getrimmt und mit zwei Druckluft-Behältern versehen. Anlass für das Projekt: Das Familienunternehmen hatte vor rund 100 Jahren Zweiräder produziert. Daher die Idee, Geschichte und Gegenwart in diesem Vorhaben zu vereinen.

Jeweils zehn Liter verdichteter Luft unter 40 bar Druck fassen die Behälter. Wie lange die „Tankfüllung“ reicht, hängt von der Intensität der Unterstützung ab: Mit reinem Druckluftbetrieb schafft das Rad einen Kilometer. Der Antrieb wird wie bei einem Motorrad über eine Art Gaszug gesteuert. Dabei drückt ein pneumatischer Zylinder den Motor auf das Hinterrad. Darunter steckt ein rotierendes Reibrad, das den Reifen in Bewegung setzt. Das Rad schafft so bis zu Tempo 37.

Die jungen Leute haben 18 Monate Arbeit neben ihrer eigentlichen Ausbildung in die Planung, Beschaffung, Konstruktion, Kostenüberwachung, Präsentation vor der Geschäftsleitung und den Auftritt auf der Hannover Messe gesteckt. Dort zog das „Boge airbike“ viele Besucher an: „Manche wollten es sogar kaufen“, sagt Azubi Kunkel.

Nun, in Serie wird es wohl nie gehen. Doch als Werbeträger ist es genial. „Wir werden es in unseren Niederlassungen und bei guten Kunden ausstellen“, sagt Ausbildungsleiter Kröger. „Viele von der Konkurrenz waren auf der Messe, haben das Rad gesehen und waren beeindruckt, wie wir ausbilden“, ist seine Kollegin Kasper stolz.

Alle Bewerber erhalten eine Einladung

Boge hat 700 Mitarbeiter weltweit. Rund 400 arbeiten am Stammsitz in Bielefeld, darunter 15 bis 20 Azubis im Jahr. In der Region ist die Metall-Industrie stark, doch die Zahl der Schulabgänger sinkt. „Trotzdem finden wir immer noch genug Bewerber“, sagt Kasper.

Das könnte auch am außergewöhnlichen Auswahlverfahren liegen. Das Unternehmen lädt alle Interessenten zum Gespräch ein. Erst danach wird die fachliche Eignung geprüft. Praktikanten, die einen positiven Eindruck hinterlassen haben, können sich sogar ohne Unterlagen bewerben.

„Hier ist man kein anonymer Azubi“, sagt Personalleiterin Kasper. „Die Jugendlichen werden gleich zu Beginn der Ausbildung der Geschäftsleitung vorgestellt.“


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