Auto

Leise Hoffnung


Forschen gegen die Krise: Wie Opel an den Autos der Zukunft tüftelt

Hinter einer dicken Glasscheibe liegt schlafend, was Lars Peter Thiesen zärtlich „mein Baby“ nennt. Schläuche dringen in sein In­nerstes, überall Kabel, es sieht aus wie auf einer Intensivstation. Dann aber drückt Thiesen auf einen Knopf, das „Baby“ erwacht, und der  sonst so nüchterne Gesichtsausdruck des Physikers bekommt etwas Entrücktes. Fast so, als läge da wirklich ein Mensch, dort auf dem Prüfstand hinter der Scheibe. Und nicht nur ein Motor.

Nur ein Motor? So macht man sich keine Freunde hier im „Opel-Entwicklungszentrum für elektrische Antriebe“ in Mainz-Kastel. Denn was Thiesen da gerade per Knopfdruck zum Leben erweckt hat, soll nicht weniger sein als das Herz der automobilen Zukunft: der Wasserstoff-Motor.

„Wir sind weit. Sehr weit!“

Opel also. Kaum ein Tag, an dem der schlingernde Autobauer derzeit nicht die Schlagzeilen beherrscht. Gezerre um  Patente, Loslösung von der todkranken US-Mutter General Motors, ständig Spekulationen über potenzielle neue In­vestoren. Doch ungeachtet aller Diskussionen um den Fortbestand der Marke mit dem Blitz tüfteln die 250 Opelaner in Mainz-Kastel unverdrossen an den Autos der Zukunft.

„Die Autos von morgen fahren batteriegetrieben, die von übermorgen mit Wasserstoff“, sagt Opel-Physiker Thiesen. „An beiden Antriebs-Technologien arbeiten wir hier. Und wir sind weit. Sehr weit!“

Hoppla! Dass die deutschen Premium-Marken wie Audi, BMW oder Daimler kräftig mitmischen beim Rennen ums Wasserstoff-Auto, das wusste man. Aber Opel? Können die das?

Der Beweis parkt draußen vor der Tür und heißt „HydroGen4“. Es ist ein bulliger Bolide, unter dessen Haube schon heute ein mit Wasserstoff angetriebener Elektromotor werkelt. Und wie: Von 0 auf 100 beschleunigt der HydroGen4 in knapp zwölf Se­kunden. Dabei fährt er fast lautlos, selbst nach dem Drehen des Zündschlüssels ist nur ein leises Summen zu hören. „Der Verbrennungsmotor fehlt eben“, grinst Thiesen.

Wasserstoff-Tankstellen fehlen noch

Zehn Prototypen mit in Mainz-Kastel entwickelter An­triebstechnologie sind derzeit im Dauertest auf den Straßen von Berlin im Einsatz, auch der ADAC nutzt einen als Pannenhelfer.

Mit einer Tankfüllung Wasserstoff   kommt   der   Wagen 320 Kilometer weit, aus dem Auspuff dringt dabei nichts als Wasserdampf. „Unsere Technik   ist verlässlich und umweltfreundlich“, sagt Thiesen. Zwar werde es zur Marktreife noch bis mindestens 2015 dauern. „Wegen der fehlenden Infrastruktur, es gibt kaum Tankstellen.“

Dennoch gehöre dem Wasserstoff die Zukunft. „Mit ihm kann man mit Wind oder Sonne erzeugte Energie speichern, bei Bedarf verstromen oder  eben als Treibstoff für die Autos von übermorgen nutzen.“

Und die Autos von morgen?  Die fahren mit Strom aus der Batterie. In einem Labor im Entwicklungszentrum sitzt Ingenieur Matthias Hampel vor einem halben Dutzend Monitore. Er steuert eine Klimakammer, in der die 180 Kilo schwere Batterie des Opel-Elektro-Autos „Ampera“ unter Dauerbelastung getestet wird – bei minus 10 Grad, 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Hampel: „Das muss sie abkönnen.“ 

Drei Stunden an der Steckdose

2011 plant Opel mit dem „Ampera“ die erste Großserienproduktion (mehr als 10.000 Stück) eines Elektro-Autos überhaupt. Schon ein Jahr früher will GM den baugleichen „Volt“ auf den US-Markt bringen.  Batterie, Antriebstechnik – alles Opel-Entwicklungen.

60 Kilometer soll der Wagen rein elektrisch fahren können, Statistiken zufolge reicht das für rund 80 Prozent aller Alltagsfahrten. „Auch wenn die Batterie leer ist, bleibt man nicht stehen“, so Hampel. Dann versorgt ein Ottomotor den Ampera mit Strom. Ge­samtreichweite: 500 Kilometer, erst dann muss nachgetankt oder die Batterie geladen werden. „An einer normalen Steckdose, dauert nur drei Stunden“, sagt Hampel.

Entwickelt hat Opel die Autos der Zukunft also schon. Jetzt müssen sie ihre „Babys“  nur noch bauen dürfen ...

Ulrich Halasz

Wasserstoff-Auto: So funktioniert’s

Das Herzstück eines mit Wasserstoff angetriebenen Autos ist ein sogenannter Brennstoffzellen-Stapel. Als „Energiewandler“ gewinnen die Brennstoffzellen aus dem gasförmigen Wasserstoff im Tank des Autos elektrische Energie, die ein Elektromotor dann in Vortrieb umsetzt. 

Genauer: Wenn das Auto fährt, teilen sich in jeder  Brennstoffzelle die Wasserstoffmoleküle an einer speziell beschichteten Anode in Protonen und Elektronen. Die Protonen verbinden sich mit dem Sauerstoff aus der Luft zu Wasserdampf, der dann als einziges Abgas aus dem Auspuff kommt.

Die Elektronen dagegen fließen als elektrischer Strom in den Motor des Fahrzeugs und treiben ihn an. Um die Reichweite zu­sätzlich zu erhöhen, wird zudem beim Bremsen oder Verlangsamen Energie zu­rückgewonnen und in einer Batterie gespeichert.

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