Ausbildung

Lehrstellen auf der Kippe


Warum ein Zwang, alle Auszubildenden fest zu übernehmen, dem Nachwuchs schaden könnte

Am Ende ist alles rund: Cantec baut Spezialmaschinen – für Dosen. Mit der Technik aus Essen werden weltweit Milliarden Verpackungen aus Weißblech hergestellt. Für die Hightech-Anlagen braucht der Mittelständler viel Know-how und Fachkräfte: Zerspanungsmechaniker, Werkzeugmechaniker, Industriemechaniker, Mechatroniker sowie Elektroniker für Betriebstechnik. Und der Job von Michael Klossek ist es, für genug Nachwuchs zu sorgen.

Der Personalleiter hat jährlich 15 bis 17 Azubis unter Vertrag. Von den insgesamt 160 Cantec-Mitarbeitern ist jeder Zehnte ein Azubi. Aber nicht alle werden nach erfolgreicher Prüfung übernommen. Denn Cantec bildet über den eigenen Bedarf aus. „Wir tun das, weil es uns wirtschaftlich gut geht, weil wir die entsprechenden Kapazitäten haben – und weil wir darin auch einen gesellschaftlichen Auftrag sehen“, sagt Klossek.

„Freiwillige Leistung nicht zerstören“

In Zukunft könnte die Firma ihr Engagement spürbar verringern. Grund ist die Forderung der Industriegewerkschaft Metall, dass die Betriebe künftig jeden Azubi fest übernehmen müssen. Unbefristet, versteht sich. Bisher erhält jeder Azubi nach seinem Abschluss einen einjährigen Vertrag. Es sei denn, das Unternehmen bildet – wie Cantec – mehr junge Leute aus, als es benötigt. Dann darf in Absprache mit dem Betriebsrat von der tariflichen Regelung abgewichen werden.

Bei einem generellen unbefristeten Übernahmezwang würde Cantec die Ausbildung über Bedarf herunterfahren.  Folge: Jede dritte bis vierte Lehrstelle entfiele.

Viele andere M+E-Betriebe würden wohl ähnlich reagieren: In Nordrhein-Westfalen bildet fast jeder dritte Betrieb mehr junge Leute aus, als er am Ende benötigt, ergab Ende 2011 eine Umfrage des Arbeitgeberverbands Metall NRW. „Es wäre fatal, wenn die freiwillige unternehmerische Leistung durch eine verfehlte Tarifpolitik der Gewerkschaft zerstört würde“, warnt Verbandspräsident Horst-Werner Maier-Hunke. Eine Ausbildung koste pro Kopf immerhin 30.000 Euro.

Das Argument, dass angeblich viele Jugendliche nach ihrer Lehre ohne Job dastehen, ist für ihn nicht nachvollziehbar: „Unsere Umfragen zeigen ganz deutlich, dass drei Viertel eine unbefristete Anstellung in ihrem Ausbildungsbetrieb erhalten – entweder sofort oder nach einer befristeten einjährigen Anstellungsphase.“

Wie stark sich die Branche einsetzt, zeigt auch das Beispiel des Armaturenproduzenten Bomafa in Bochum. Der 68-Mann-Betrieb hat fünf Azubis, drei davon bildet die Firma über Bedarf aus.

„Das geht an der Realität vorbei“

Geschäftsführer Friedrich Appelberg gibt auch Jugendlichen eine Chance, die eigentlich noch nicht reif für eine Lehre sind: „Man muss auch mal ein Risiko eingehen. Und darauf vertrauen, dass jemand eine positive Entwicklung durchmacht“, sagt er. Müsste er aber jeden Azubi unbefristet übernehmen, „dann würden wir dieses Wagnis wohl nicht eingehen können“.

Das sieht Christian Vogelsang ähnlich. Der Geschäftsführer der gleichnamigen Firma in Bochum, die Elektromotoren, Generatoren, Transformatoren, Pumpen sowie Ventilatoren für die Schwerindustrie und für Energieerzeuger repariert, nennt das Ansinnen der Gewerkschaft „absolut kontraproduktiv. Das geht an der betrieblichen Realität vorbei.“

 

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