Großinvestition

Lebensader für die Chemie im Süden


Ethylen-Pipeline soll Bayern mit Westeuropa verbinden

Finanzkrise, Autoflaute, Rezession – ein Land bangt um seine Konjunktur. Sechs Chemie-Unternehmen aus Bayern und die BASF halten dagegen. Sie bauen für 180 Millionen Euro eine 360 Kilometer lange Pipeline für den Rohstoff Ethylen, einen wichtigen „Lebenssaft“ für die Hersteller von Kunststoffen und Chemikalien. Die Ethylen-Pipeline-Süd (EPS) wird die Chemie-Standorte im Osten Bayerns mit der westeuropäischen Ethylen-Leitung bei Ludwigshafen verbinden und soll die Betriebe so wettbewerbsfähiger machen sowie zusätzliche Jobs bringen.

„Das ist der größte Pipeline-Bau seit Jahrzehnten in der deutschen Chemie, eine Wette auf eine gute Zukunft“, sagt EPS-Geschäftsführer Hans-Detlef Dreeskornfeld. „Die Leitung befreit die Standorte im bayerischen Chemie-Dreieck aus ihrer Insellage“, erklärt der Manager.

Dort gibt es zwar Ethylen. Aber ohne Anschluss ans Rohstoff-Netz müssen Herstellung und Verbrauch ausgeglichen sein. „Wenn ein Betrieb mehr Ethylen produziert, muss ein anderer mehr verbrauchen. Das macht Wachstum, Investitionen und den Ausbau der Stellen schwierig.“ Weshalb Bayern 45 Millionen Euro zu­schießt.

Ist die Pipeline fertig, sind die Firmen flexibler, können be­liebig Ethylen beziehen und liefern. „Der Deckel ist dann weg, das gibt Luft nach oben“, sagt Dreeskornfeld. „Wir erwarten, dass das eine Menge In­vestitionen freisetzt.“

Schon jetzt einige Hundert Jobs

Bis zu 2,5 Milliarden Euro dürften dann in neue Anlagen fließen. Und zwar nicht nur bei den bayerischen EPS-Teilhabern Borealis, Clariant, Basell, OMV Deutschland, Vinnolit und Wacker-Chemie. Sondern auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. „Jeder kann sich anschließen“, sagt der Manager. Die Mineraloelraffinerie Oberrhein in Karlsruhe etwa tut das.

 

Schon jetzt haben Firmen im bayerischen Chemiedreieck für nahezu eine halbe Milliarde Euro Anlagen erweitert oder gebaut, für die die Trasse wichtig ist. Das bringt einige Hundert Stellen.

Dabei ist die Leitung noch gar nicht fertig. Etwa 130 Kilometer liegen bereits im Boden. Doch in Baden-Württemberg zieht sich der Kauf der Wegerechte. „Be­dingt durch das spezielle Erbrecht haben wir es dort mit etwa 6.000 Eigentümern zu tun. 70 Prozent haben unterschrieben“, schildert Werner Döhler, der zweite Geschäftsführer der EPS. „Bei manchen Parzel­len aber gibt es bis zu 32 Be­sitzer.“

Zudem lehnen manche ­Bauern im Schwäbischen die Rohrleitung ab. Wie Ulrich Maier, Vertreter einer Interessen-Gemeinschaft in Alfdorf. „Ich möchte sie nicht in meiner Nähe“, sagt er. Auch Sorge um die Sicherheit spielt da mit. Denn Ethylen ist brennbar.

Kann da was passieren? Neueste Technik kommt zum ­Zug, berichtet Geschäftsführer Dreeskornfeld: „Sensoren messen ständig den Druck im Rohr; bei einem Druckabfall schotten wir das Teilstück sofort ab. Dann greifen Notfallpläne“, schildert er. Regel­mäßig werden Mitarbeiter der EPS  die  Trasse  abfliegen  und abgehen.

Sicherste Art des Gas-Transports

Überhaupt: Für Experten sind Pipelines die sicherste Transportart für Öl, Gas ­oder Ethylen. Deshalb sind die EPS-Manager zuversichtlich, dass die Leitung Ende 2009 in Be­trieb geht. Dreeskorn­feld: „Jetzt beim Konjunkturrückgang ist das noch mal so wichtig.“

Hans Joachim Wolter

 

Stichwort Ethylen

Ethylen ist ein farbloses, süßlich riechendes, brennbares Gas. Für die Chemie ist es eine Art „Lebenssaft“. Denn es ist Vorprodukt für die Herstellung verschiedener Kunststoffe sowie vieler Chemikalien. So steckt es in Verpackungen, Armaturenbrettern, Boden­belägen, Fensterrahmen, Rohren und künstlichen Hüftgelenken.

Hergestellt wird es durch „Cracken“, das Knacken langer Moleküle im Erdöl. Über Pipelines gelangt es dann zu den Kunststoff-Herstellern. Die Leitungen gibt es seit Jahrzehnten. Die wichtigste verbindet Rotterdam, Köln und Ludwigshafen. Dort soll die neue Trasse andocken.

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang