Berufsbekleidung

Kreuznacher Zentralwäscherei: So kriegen die Reinigungsprofis den Blaumann wieder blau

Bad Kreuznach. Eigentlich ist Andrea Mayer-Marte ja ein umgänglicher Typ. Wenn’s aber um Kleidung geht, werden die großen, braunen Augen der Doninikanerin ganz schmal: „Bei jedem Stück suche ich nach Flecken, Löchern und dünnen Stellen.“

Die 44-Jährige ist da ganz Profi. An der Kontrollstation der Kreuznacher Zentralwäscherei (Rheinland-Pfalz) nimmt sie frisch gereinigte Arbeitskleidung unter die Lupe – wie die graue Arbeitshose, deren leicht ausgefranste Naht am Hosenbund sie kritisch beäugt.

Das gute Stück hat Glück. Mayer-Marte schickt es weiter. Aufgehängt am Bügel steigt das Beinkleid an einer Metallschiene empor. Und reiht sich ein in eine Karawane aus Blaumännern, grauen Hosen, weißen Shirts und orangen Jacken.

Dort oben ziehen sie ihre Runden: Alle frisch gewaschen, neu imprägniert, Risse und Löcher ausgebessert – bereit zum erneuten Arbeitseinsatz an Drehbänken, Fräßmaschinen und Montagebändern. Für die Branche der Textil-Dienstleister ist das Geschäft mit den fleckigen Hinterlassenschaften von Millionen Beschäftigten eine richtig saubere Sache.

Nachschub garantiert: Mehr als 50 Millionen Arbeitsgarnituren liegen in den Spinden deutscher Unternehmen

Allein vergangenes Jahr setzten die Reinigungs-Profis mehr als 3 Milliarden Euro um. Nachschub gibt es ständig: In den Spinden deutscher Unternehmen, angefangen vom kleinen Handwerker bis zum großen Industriebetrieb, liegen über 50 Millionen Garnituren an Berufs- und Schutzkleidung. Und über sechs Millionen Beschäftigte arbeiten laut Wirtschaftsverband Textil Service in geleaster Berufskleidung. Die Kreuznacher etwa halten im Firmenverbund „diemietwäsche.de“ mit sechs weiteren Profiwäschern Arbeitskleidung in Schuss.

„Da kommt eine Menge schmutziger Wäsche zusammen“, weiß Sabine Jeske, Qualitätsmanagement-Beauftragte in Bad Kreuznach. Gut 40 Tonnen Kleidung durchlaufen täglich die Waschautomaten. Die graue Arbeitshose etwa, die Kontrolleurin Mayer-Martes prüfenden Blick gerade noch bestanden hat, landet in etwa fünf Tagen wieder im Spind eines Buderus-Mitarbeiters. Für den Heizungsbauer aus Wetzlar haben die Bad Kreuznacher letztes Jahr über 400 Spinde mit Kleidung bestückt.

Auch der Stromriese Eon und das Pharma-Unternehmen Böhringer Ingelheim gehören zu den Kunden der Industrie-Wäscherei. Gut 35.000 Arbeitnehmer erhalten regelmäßig ihre sauberen Arbeits-Outfits aus Bad Kreuznach.

Vor 30 Jahren noch drehten viele Blaumänner im Schnellwaschgang privater Waschmaschinen ihre Runden. „So etwas geht heute nicht mehr“, weiß Jeske. Die Profis nutzen biologisch abbaubare Waschmittel aus Weizenbasis. Und tüfteln daran, umweltfreundliches Ozon statt Chlor einzusetzen.

Die Wasch-Rezepturen werden ständig auf Material und Fleckenart abgestimmt. So rücken die Bad Kreuznacher hartnäckigen Verschmutzungen durch Öl, Fett, Grafit oder Teer zu Leibe. „Mancher Blaumann, der hier ankommt, steht förmlich vor Dreck“, sagt Wasch-Expertin Jeske. Den wäscht der 320-Mann-Betrieb wieder richtig sauber: „Zu 98 Prozent sind die Stücke nach der Behandlung wieder rein“, verspricht sie.

Moderne Arbeitskleidung zu reinigen, ist ein kniffliges Geschäft. Die Hochleistungstextilien müssen heutzutage direkt mehrere Funktionen übernehmen. Ein Trend, der sich immer weiter durchsetzt. „Die Hersteller suchen nach der Eier legenden Wollmilchsau“, sagt Jeske.

60 Grad – das ist dem Reflexstreifen zu heiß

Jacken aus Softshell sollen atmungsaktiv sein und auch Schutz vor Hitze und Chemikalienspritzern bieten, empfindliche Reflexstreifen sollen noch hell aufleuchten, auch wenn sie mit desinfizierenden Substanzen gewaschen werden: „Viele Stoffe reagieren auf eine solche Behandlung empfindlich.“

Zum Beweis greift Jeske nach einer weißen Hose – sie gehört zu einem Sanitäter-Outfit. Die winzigen Glasperlen der aufgenähten Reflexstreifen haben vor den 60 Grad Waschtemperatur und dem Desinfektionsmittel dieses Mal kapituliert: Der Streifen ist verklebt und ausgefranst. „Da reflektiert nichts mehr. Der muss ausgetauscht werden“, befindet Jeske.

Die lädierte Hose reiht sich deshalb nicht in die Klamotten-Karawane ein, sondern schwenkt auf der Metallschiene nach links – Richtung Näherei. Von der Blessur am Hosenbein wird der Lebensretter nichts merken. Spätestens in fünf Tagen liegt die Hose mit einem neu aufgenähten Reflexstreifen im Spind.

In der Zwischenzeit trägt er seine zweite Garnitur. Im Schnitt verfügt jeder Beschäftigte, der durch die knapp 2.500 Reinigungsbetriebe in Deutschland ausgestattet wird, über drei Garnituren. „Eine liegt im Spind, eine ist im Einsatz, die Dritte in der Wäscherei. Niemand muss Angst haben, mal ohne Arbeitskleidung dazustehen“, versichert Qualitätsfrau Sabine Jeske.

Das wäre fatal bei spezieller Schutzkleidung. Die wird in Bad Kreuznach zusätzlich ausgerüstet. Beispiel: Chemikalienschutz. Im letzten Waschgang wird er ins Textil gespült. Ob er funktioniert, testet Schichtführer Percy Linden an einem Stück aus jeder Wasch-Charge. Dafür träufelt der 25-Jährige Schwefelsäure auf eine blaue Hose.

Säureschutz: Hose verhindert Verletzungen

Selbst nach 15 Minuten hat die Säure das Hosenbein nicht durchdrungen. Test bestanden! Im Ernstfall bliebe dem Träger etwa in der Batterieproduktion genug Zeit, um sich aus der bespritzten Hose zu befreien – ohne sich zu verletzten.

Über Lindens Kopf zieht derweil die Klamotten-Karawane ihre Runden. Ein Programm ordnet die Stücke per Barcode den Betrieben und den einzelnen Mitarbeitern zu. Selbst die Spindnummer ist notiert. Mit dabei: Andrea Mayer-Martes ausgefranste Hose.

In drei Wochen sieht sie das gute Stück wieder. Ob die dann noch vor ihrem kritischen Blick besteht? „Mal sehen“, sagt die Kontrolleurin schmunzelnd.


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