Weltmarktführer

Kraftprotze für schwere Fälle


Super-Transporter aus Deutschland rollen in Sibirien und Florida

Pfedelbach. Die Fernsteuerung vorm Bauch, die Hände an den Hebeln: Jens Plappert würde aussehen wie ein Mo-dellbauer mit seinem Spielzeug – wenn das Spielzeug nicht so lang wäre wie ein Mehrfamilienhaus. „Das ist ein selbst angetriebener Schwerlasttransporter“, sagt Plappert, Techniker der Scheuerle Fahrzeugfabrik im baden-württembergischen Pfedelbach.

Weltrekord von Scheuerle

Auf 10 Achslinien und 20 Drehgestellen kann das Riesen-Auto 300 Tonnen schwere Schiffsteile bewegen – ein Beispiel für Spezialtechnik aus Deutschland, die in aller Welt gefragt ist.

Scheuerle produziert gigantische Fahrzeuge, deren Bezeichnung Schwerlasttransporter sich auf den ersten Blick als Untertreibung entpuppt. Geschäftsführer Thomas Riek: „Das Schwerste, was unsere ,Autos’ transportiert  haben, war eine Öl- und Gasplattform mit 15.000 Tonnen Gewicht.“  Weltrekord!

Ob Schiff, U-Boot, Flugzeug, ob Bauteil einer Windkraftanlage, Raketentriebwerk, Brückensegment oder Radioteles-kop: Die per Fernsteuerung oder von der Fahrerkabine aus gelenkten Transporter meistern jede Herausforderung. So können die Ölfelder Kanadas und die Gasvorkommen Sibiriens oder Alaskas nur in den Wintermonaten erreicht werden, über „Ice Roads“. Riek erklärt: „Dort müssen unsere Fahrzeuge auch bei Temperaturen von minus 40 Grad Celsius funktionieren.“

Sehr viel heißer verlief die Überführung der Raketen für das Spaceshuttle in den USA: Scheuerle-Mehrachser brachten die 200 Tonnen schweren Triebwerke auf öffentlichen Straßen von Utah nach Florida. Vollgetankt! Dafür statteten die Konstrukteure die kippsicheren Transporter mit vier Fahrerhäusern aus – an jeder Ecke eins.

So viel Mühe zahlt sich aus: Zusammen mit der Ulmer Firma Kamag und dem  französischen Unternehmen Nicolas bildet Scheuerle die TII-Gruppe. Sie beschäftigt 650 Mitarbeiter, davon 320 in Pfedelbach. Der Weltmarktführer setzt jährlich 300 Millionen Euro um.

Ziel in 5.000 Meter Höhe

Dennoch schwingt Wehmut mit in Rieks Stimme, wenn er von einem verlorenen Projekt spricht: Beim Bau der Startrampe für den Nachfolger des Spaceshuttles hätten Fahrzeuge von Scheuerle zum Einsatz kommen können.

Doch dann hat US-Präsident Barack Obama das Programm gestoppt. „Den Auftrag hätten wir gerne übernommen“, bedauert Riek die Entscheidung. Umso begeisterter spricht er vom Transport von 200 Radioteleskopen ins chilenische Hochland. Die Fahrt zum Standort in  5.000 Meter Höhe führt durch ein Erdbebengebiet. Deshalb mussten die Fahrzeuge so konstruiert werden, dass sie Gegenschwingungen aufbauen können. Wie rohe Eier wurden die je 115 Tonnen schweren Antennen zum Ziel gebracht und millimetergenau abgesetzt.

„Solche Sonderprojekte sind gut fürs Image. Aber sie binden 20 unserer 50 Entwickler zwei Jahre lang“, sagt der Geschäftsführer. Deshalb ist er froh, dass 90 Prozent des Umsatzes auf Produkte von der Stange entfallen.

Zu denen zählt auch der Zehn-Achser, den Techniker Plappert gerade auf dem Freigelände getestet hat. „Alles okay“, sagt er jetzt – und legt die Fernbedienung auf die Seite. Der Schiffssektionstransporter kann ausgeliefert werden.

 

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