Integration

Kollege Abdul Satar Karger


Wie ein afghanischer Nationalfußballer deutscher Mechaniker wurde

Lauf a. d. Pegnitz. Er ist Me­chaniker und Abteilungsleiter in Mittelfranken, mit Frau und zwei Kindern, die deutsche Vornamen haben. Nennt eine Doppelhaushälfte mit ak­kuratem Vorgarten sein Eigen. Und er liebt Fußball, nicht nur als Sofasport, sondern dreimal die Woche als Trainer einer Kreisliga-Elf. Und doch ist er kein Deutscher wie jeder andere.

Mit 24 war Abdul Satar Karger Fußball-Nationalspieler in Afghanistan. Jetzt ist er 53 und unterhält sich mit der AKTIV-Reporterin  über Ausländer-Integration in Deutschland.

„Das hier ist mein Land“, sagt er und lehnt sich zurück. Bei Kaffee und Kirschkuchen er­zählt er von seinem Leben, das sich in zwei Teile teilt: vor 1980 und danach.

Im Frühjahr 1980 sind die Russen gerade in Afghanistan einmarschiert, in Moskau stehen die Olympischen Sommerspiele an – und Karger, Mittelfeldspieler der Kicker-Auswahl seines Landes, hat Angst. „Wir wollten nicht von Kommunis­ten regiert werden.“ Deshalb be­schloss die gesamte Mannschaft, nicht nach Moskau zu fahren. Damit wollte sie ein Zeichen gegen die russische Inva­sion setzen.

„Der Chef hat jedem eine Chance gegeben“

Das Team setzt sich nach Deutschland ab. Karger landet in Paderborn, hofft hier  auf eine Fußball-Karriere, die sich aber nach einem schweren Motorrad-Unfall schon wenige Monate später erledigt.

Wie soll es weitergehen? Wer wie Karger hierher kommt, hat Pläne, Wünsche, Hoffnungen im Gepäck. Nicht immer erfüllen sie sich. Ausländer sind mehr als doppelt so häufig arbeitslos wie Einheimische und haben im Durchschnitt ein Achtel weniger Geld zur Verfügung, zeigt der „Integrationsmonitor“ des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

 

Abdul Satar Karger hat einen Startvorteil: In der afghanischen Hauptstadt Kabul hat er eine deutsche Schule besucht und das Abitur ge­macht. Das Glück im Westen zu suchen, ist in seinem Elternhaus stets ein Thema gewesen. „Meine sechs Geschwister sind alle nach Amerika ausgewandert.“

Andererseits: Verglichen mit dem Einwandererland USA tut sich Deutschland schwer. „Wir haben Begabungen vergammeln lassen“, urteilt Professor Klaus J. Bade, Chef des Berliner „Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration“.

Weil die Eingliederung am Arbeitsplatz oft nicht gelinge, so Bade, seien un­nötig Potenziale verschüttet worden. „Etwa weil wir Ausbildungen nicht anerkennen und gut Qualifizierte als Taxifahrer und Putzfrauen arbeiten lassen.“

Karger hat Glück im Un­glück. In der Klinik, nach dem Mo­torrad-Un­fall, kümmert sich jemand sehr um ihn. „Meine spätere Ehefrau“, sagt er lächelnd.

Er entschließt sich zu einer Lehre bei Philips zum Industriemechaniker. 1984 zieht er mit seiner Frau nach Franken, seine Kinder werden geboren. 1987 bewirbt er sich bei der Firma Zeitlauf in Lauf an der Pegnitz. Die stellt mit heute 210 Be­schäftigten Getriebemotoren her, etwa für Kaffeemaschinen, Kopierer oder Aufzugtüren.

Was zählt, sind Fleiß und Können

Der Afghane wird eingestellt, versteht sich mit seinem Chef dort auf Anhieb: „Der hat jedem eine Chance gegeben, egal von welcher Nationalität der kam.“

 

Bunt gemischt ist die Belegschaft heute: Sieben Herkunftsländer der Kollegen kann Karger aufzählen.

Der Sachverständige Bade sagt dazu: „Integration ist ein gesellschaftliches Geschäft auf Gegenseitigkeit. Natürlich müssen wir von Einwanderern die Bereitschaft fordern, sich zu integrieren. Aber wir Deutsche müssen auch Einwanderung aktiv akzeptieren.“

 

Vorurteile und Rassismus kennt Karger auch – nicht nur vom Fußballplatz. „Man muss sich durch Fleiß und Können Respekt verschaffen“, sagt er leise, aber bestimmt. Bei Zeitlauf leitet er heute eine Abteilung mit acht Mitarbeitern. „Mein Chef hat mir früh Verantwortung gegeben, das war eine wichtige Bestätigung.“

Zudem sitzt er im Prüfungsausschuss der Industrie- und Handelskammer Mittelfranken, erstellt dort Aufgaben und bewertet Leistungen. Weiterkommen, das ist sein Thema.

Neues Denken in vielen Betrieben

Er findet, dass sich Deutschland, dessen Pass mit dem Adler er seit 1990 in den Händen hält, in den letzten Jahren sehr verändert hat.

„Die Betriebe machen sich immer mehr Gedanken, wie sie auch ausländische Jugendliche  gewinnen“, stellt er fest. Das be­stätigt auch Professor Michael Bommes, Migrationsforscher an der Universität Osnabrück: „Die Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen, nimmt zu. Die Betriebe können so den Fachkräftemangel abschwächen. „Der ist absehbar und wird trotz Krise bleiben. Und die Jugendlichen be­kommen durch eine Lehre häufig überhaupt erst ein Sprungbrett zu Karriere-  und damit auch Zukunfts­perspektiven.“

Seine Chancen hat „Abi“ Karger, so sein Spitzname, genutzt. Natürlich lässt ihn die Lage in Afghanistan auch heute noch nicht kalt. „Aber mein Leben in Kabul kommt mir vor wie aus einem früheren Traum. Das hier, das ist echt.“

Und er deutet in den Garten: „Hoffentlich wird es bald wärmer. Wir sind hier nämlich immer die ersten, die den Grill rausholen.“

Eva Schröder

 

Ausländer sind oft benachteiligt

Aber das Bild hellt sich auf

Nicht alle, die nach Deutschland eingewandert sind, finden auf Anhieb Anschluss an den Arbeitsmarkt: Jeder sechste zwischen 25 und 65 Jahren lebt von Arbeitslosen-Unterstützung. Unter Einheimischen ist es jeder vierzehnte.

Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Im Durchschnitt verdienen nur 52 Prozent der Zugewanderten ihren Lebensunterhalt in Deutschland selbst. Unter den Einheimischen sind es 70 Prozent.

Doch immerhin: Die Einwanderer der zweiten Generation sind fast schon ebenso häufig er­werbstätig wie Einheimische.

ES

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