Seit 75 Jahren im Beruf

Kathi Kink denkt auch im Alter von 91 noch nicht ans Aufhören

Naring. Ihr erster Eindruck war vernichtend: „Hier bleib i net.“ Das stand für die 16-jährige Katharina Kink fest, als sie im oberbayerischen Naring ankam. An den Straßenrändern überall Misthaufen und im Dorf nix los. Es kam anders. Sie blieb. Und so wie es aussieht, kriegt die 91-Jährige aus Naring auch niemand mehr weg.

Wenn auch nicht gerade bis ins hohe Alter – die Deutschen arbeiten immer länger. Vor 15 Jahren gingen sie im Durchschnitt mit 62 in Rente, heute mit 64. Und immer mehr Menschen bleiben im Beruf, nachdem sie die gesetzliche Altersgrenze erreicht haben. Diese Zahl hat sich von 2011 bis 2013 fast verdreifacht – auf 25.300, so die Deutsche Rentenversicherung. Und nicht etwa als Zuverdienst, sondern als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte.

Kathi, wie sie in Naring alle nennen, denkt nicht ans Aufhören. Im „Gasthof zum Goldenen Tal“, rund 40 Kilometer südlich von München, riecht es nach bayerischer Hausmannskost. An den Wänden hängen Wildgeweihe und eine Speisekarte von 1963. Leberknödelsuppe: 50 Pfennig. Die Suppe steht immer noch auf der Speisekarte – heute für 5 Euro. Und das ist lange nicht die einzige Veränderung, die Kathi in ihrem 75-jährigen Arbeitsleben mitbekommen hat.

Aber eines ist unverändert: Sie zapft und schleppt halbe Liter Helle durch die Gegend, räumt ab und tratscht mit den Gästen. „Manche kenne ich schon seit Jahrzehnten“, sagt Kathi.


Jeden Montag steht sie stundenlang in der Waschküche, füllt eine Maschine nach der anderen mit vollgekleckerten Tischdecken. Alles muss seine Ordnung haben. Auch die Arbeitskleidung, das obligatorische Dirndl. „Jeden Tag ein anderes“, betont sie. Das war immer so. In ihrem Kleiderschrank reihen sich die bunten Trachten aus einem halben Jahrhundert aneinander. Die Blusen darüber – akribisch gefaltet und zu Stapeln zusammengelegt, als hätte sie mit einer Wasserwaage gearbeitet.

Ein Dirndl trug sie auch an ihrem ersten Arbeitstag als Kindermädchen bei der Gastwirtsfamilie. 1939 war das. Das „Pflichtjahr“ hatte sie damals von ihrer Heimat Prien am Chiemsee nach Naring verschlagen. Junge Frauen mussten ein Jahr in der „Land- und Hauswirtschaft“ verbringen, so verlangte es damals die NS-Diktatur.

Die junge Katharina war alles andere als begeistert. Ihr einziges Ziel: „Ich wollte diese Zeit irgendwie rumkriegen und dann schnell wieder zurück in die Heimat.“ Aber kurz bevor das Jahr vorbei war, bekam ihre damalige Arbeitgeberin – Kathi sagt „meine Wirtin“ – das fünfte Kind. Dann brauchte die Familie sie mehr denn je. „Und ich hatte mich in die Kinder verliebt“, erzählt sie.

Und so sah der Alltag aus: um zwei Uhr nachts ins Bett, manchmal auch um drei, wenn endlich der letzte Gast bierbeseelt die Schankstube verlassen hatte. Um sechs wieder raus, die Kinder versorgen. Das ganze 17 Jahre lang. Ausgemacht hat ihr das nichts. „Das war halt so.“

10 Mark im Monat hat sie verdient. So blieb das bis zur Währungsreform 1949. Dann wurden es 30, mal 40 Mark. „Während der Kriegs- und Nachkriegszeit hatten wir nicht viel, aber es hat gereicht. Zum Glück waren wir Selbstversorger.“

Wie nur wenige andere hat Kathi den Wandel der Zeit miterlebt: „Die Gäste haben sich verändert.“ Sie hatten zwar weniger Geld, aber sie blieben länger und waren geduldiger. Früher kamen Landwirte, heute Touristen und Ausflügler.

80.500 Kilometer ist sie gelaufen – zweimal um die Erde

Ein ständiger Begleiter ist seit 1977 ein Schrittzähler. Jeden gelaufenen Kilometer schreibt sie fein säuberlich in ein gelbes Büchlein. 80.500 Kilometer sind es seitdem, mehr als zweimal um die Erde. Und das fast immer mit einem Tablett mit Gläsern – früher sechs bis sieben, heute drei oder vier.

Obwohl sie über Jahrzehnte Gerstensaft hektoliterweise den Gästen gebracht hat – trinken mag sie ihn nicht. Auch ein Zeichen der Zeit: Früher haben eben Frauen kein Bier getrunken.

Jenseits der 65 weiterarbeiten: Das sind die Regeln

  • Wer nach Erreichen der Altersgrenze weiterarbeitet und auf die Auszahlung der Rente erst mal verzichtet, steigert seinen Rentenanspruch um 0,5 Prozent pro Monat. Allerdings muss er so lange auch Beiträge in die Rentenversicherung einzahlen. Das jedoch rechnet sich für die wenigsten.
  • Man kann auch Rente beziehen und sich etwas dazuverdienen. In unbegrenzter Höhe darf das jeder, der das gesetzliche Rentenalter erreicht hat – als Minijobber, als Voll- oder Teilzeitjobber oder als Selbstständiger. Für alle, die vorzeitig ausscheiden, gelten Obergrenzen.
  • Das gesetzliche Renteneintrittsalter steigt seit 2012 mit den Geburtsjahren stufenweise von 65 auf 67 Jahre an. Der Jahrgang 1964 ist der erste, der mit 67 Jahren in den Ruhestand geht.

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