Reportage

Käpt'n Kalle muss kämpfen


Wie ein deutscher Binnenschiffer unter der Krise leidet

Salzgitter. Der Mann kann einparken! Es ist kurz vor  halb elf abends, als Karl-Heinz Dannenberg (61) ihn mit einer Hand in die Lücke bugsiert: seinen 81 Meter langen Fluss-Frachter „MS Helmut“.

18 Stunden Fahrt liegen hinter ihm, von Hamburg bis zum Binnenhafen  Salzgitter, „langer Tag, aber keine Seltenheit“. Die Fahrt war ruhig, nicht viel los, ein bisschen Warterei an den Schleusen des Mittellandkanals, das Übliche eben. Trotzdem ist die Laune des Kapitäns so trübe wie das Hafenwasser.

Denn er ist leer hierher gefahren. Im Hamburger Hafen hat er Karosserie-Pressen gelöscht, für ein VW-Werk in Schanghai, aber es gab keine Anschlussfracht, nichts zu machen. Erst morgen früh kriegt sein Pott wieder Ladung in den Bauch. „Mit leerem Magen fahren ist Mist. Die Zeiten sind hart geworden für uns, verdammte Krise.“

„Schwerste Krise der Nachkriegszeit“

Dannenberg ist nicht der Einzige, der klagt. Deutschlands Binnenschiffern steht das Wasser bis zum Hals. Auf unseren Wasserstraßen wurde im vergangenen Jahr so wenig Fracht transportiert wie seit Mitte der 1960er-Jahre nicht mehr: 205 Millionen Tonnen, 17 Prozent weniger als noch im Vorjahr. Auf Straße (3.100 Millionen Tonnen) und Schiene (310 Millionen) brach der Güterverkehr nur gut halb  so  stark  ein.

Die Binnenschifffahrt steht am Rande des Ruins. „Das ist eine der schwersten Krisen der Nachkriegszeit“, sagt Gunther Jaegers, Präsident des Branchenverbandes BDB.

Große Pötte, kleine Preise

 Der Hafen von Salzgitter, am nächsten Morgen. Karl-Heinz Dannenberg steht auf der Brücke der MS Helmut, durch die geöffneten Ladeluken hieven Kräne riesige Rollen mit Bandstahl unter Deck. Mit gut 900 Tonnen davon will der Frachter am Abend Kurs auf Karlsruhe nehmen. 12.000 Euro wird das einbringen, es ist ein guter Auftrag.

Aber ein seltener. „Bis vor  zwei Jahren haben wir richtig Geld verdient, sind Tag und Nacht gefahren“, sagt er.  Mit Kraftwerksteilen an Bord, Maschinen, Rohstoffen, mit kompletten Lokomotiven. Dann kam der Schock für die Weltwirtschaft, der Warenstrom versiegte. Und die Frachtraten sanken auf Grund. „Früher hat zum Beispiel eine Tonne Erz 4 Euro gebracht, heute oft nur noch 1,50 Euro.“

Viele Kollegen, die in den Boomjahren auf Pump neue, größere Schiffe kauften, seien so gut wie pleite, erzählt er. „Die haben jetzt zwar 130-Meter-Pötte. Aber sie haben jetzt keine Fracht mehr.“

Besonders niederländische Binnenschiffer, so ist in der Branche zu hören, haben sich von den Boomjahren blenden lassen. So manchen Kapitän lassen die Banken nur deshalb noch am Ruder, damit er wenigstens noch eine Weile die Zinsen zahlt. „Aus lauter Verzweiflung nehmen die jetzt jede Fracht an“, grantelt Dannenberg. „Selbst zu lächerlichsten Preisen, davon können die nicht mal den Diesel bezahlen.“ Das mache sein Geschäft noch weiter kaputt.

Kein Wohnsitz an Land

Und zu allem Überfluss, so schimpft er weiter, dränge in den letzten Jahren auch immer mehr osteuropäische Konkurrenz in den Markt. „Rumänen, Polen, im Schifferfunk hörst du doch fast kein Deutsch mehr.“

Was wird werden mit ihm und seiner „MS Helmut“, Baujahr 1925? „Wir können noch leben, aber wir müssen kämpfen. Hart kämpfen“, sagt Ehefrau Karin.

Die 55-Jährige kocht Kaffee in der kleinen Bordwohnung, einen Wohnsitz an Land haben die Dannenbergs nicht. „Wir sind Schiffer mit Leib und Seele“, sagt sie, „es muss schwanken, sonst fehlt uns was.“

Das Auf und Ab der Konjunktur meint sie damit nicht. Erst recht nicht, wenn es so heftig ausfällt. 

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