Tarifpolitik

Jetzt wird's ernst


Die Krise schlägt auf den größten Industriezweig Metall und Elektro durch.

Eckhard Herwanger steht vor einem Problem: 119 seiner 520 Mitarbeiter haben einen befristeten Vertrag – und der läuft bei 100 Kräften 2009 aus. „Was soll ich mit ihnen jetzt machen?“, fragt der Geschäftsführer der Firma Kessler im oberschwäbischen Bad Buchau ratlos. „Die Leute fest übernehmen, das geben die Aufträge nicht her. Es nicht zu tun, könnte sich später rächen.“

Herwanger, der in den letzten vier Jahren 200 neue Stellen geschaffen hat, sitzt in der Zwickmühle. Sein Unternehmen produziert Motoren und Spindelsysteme für die Werkzeugmaschinenbranche – und die bestellt nur noch halb so viel wie 2008. Wie es weitergeht, ist ungewiss. Da ist es nicht vernünftig, die Befristeten fest zu übernehmen. Andererseits: Lässt der Firmenchef die Frauen und Männer ziehen, fehlen sie ihm beim nächsten Aufschwung. Herwanger fordert deshalb: „Wir brauchen bei dem Thema mehr Flexibilität.“

Richard Weinzierl sieht das genauso. Der Chef der Firma Hettich Franke im schwäbischen Balingen, die Beschläge für Bettroste und Polstermöbel produziert, hält ein Aufbrechen der bisherigen Regelung für „überfällig“. Seine Kunden bestellen immer kurzfristiger, besonders in solch unsicheren Zeiten. Was die Planung erschwert: „Da müssen wir beweglicher werden.“

Nun heißt es: Alle Register ziehen!

Jetzt, da sich die Rezession verschärft, rücken weitere tarifpolitische Instrumente in den Focus. In den ersten Krisenmonaten hat Deutschlands größter Industriezweig Metall und Elektro seine Stammbelegschaften noch halten können: Die Betriebe bauten Überstunden ab, trennten sich von Zeitarbeitnehmern und fahren Kurzarbeit. Doch das reicht nicht mehr. Deshalb müssen nun alle Register gezogen werden, um Jobs zu retten.

 

Beispiel Befristung: Derzeit kann ein Arbeitgeber einen befristeten Arbeitsvertrag bis zu dreimal in zwei Jahren verlängern. Danach ist Schluss, so will es der Gesetzgeber. Es sei denn, Gewerkschaft und Arbeitgeberverband sind sich einig, davon abzuweichen.

Die IG Metall zeigt bei diesem Thema Gesprächsbereitschaft. Über die Details wird derzeit auf regionaler Ebene verhandelt.

Beispiel Verschiebung der zweiten Stufe: Die Lohnerhöhung von 2,1 Prozent, die laut Tarifvertrag am 1. Mai in Kraft tritt, darf bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Abstimmung mit dem Betriebsrat um sieben Monate verschoben werden. Fast 50 Prozent der Unternehmen möchten davon Ge­brauch machen, belegen Um­fragen der regionalen Arbeitgeberverbände.

Für einen durchschnittlichen Metaller mit einem Brutto-Monatsentgelt von 3.665 Euro geht  es  dabei  um 77 Euro brutto pro Monat. Nach sieben Monaten zieht er dann mit Beschäftigten gleich, die nicht von einer Verschiebung betroffen waren.

Für den Betrieb summiert sich das aber: So kann ein Unternehmen mit 100 Beschäftigten laut einer Modellrechnung des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall über die vollen sieben Monate einschließlich der Sozialversicherungsbeiträge bis zu 71.500 Euro sparen.

Auch Vertrag von 2007 ließ Verschiebung zu

Übrigens: Tarifverträge mit ähnlichen Flexibilitätspuffern hatten IG Metall und Arbeitgeber schon in früheren Jahren vereinbart. Auch der Vertrag von 2007 sah vor, dass Teile der Lohnerhöhung um einige Monate verschoben werden konnten. Da es der Branche im letzten Jahr aber noch gut ging, machte von der damaligen Klausel praktisch kein Unternehmen Gebrauch.

Wilfried Hennes, Joachim Sigel

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