Chemie-Industrie

„Jetzt weiß man, wofür man gearbeitet hat“


Löhne: Der von der Chemie-Gewerkschaft geforderte „große Schluck aus der Pulle“ wird schon verteilt

Politiker wie Gewerkschaften fordern: Die Beschäftigten sollen von den erfreulichen Umsatzzahlen der Industrie profitieren. In der Chemie-Branche passiert das bereits – die Kurzarbeit ist vorbei, die Löhne werden wieder in voller Höhe gezahlt, und wo es bergauf geht, gibt es für die Belegschaft oft ein Extra-Sümmchen obendrauf.

Dieses Dankeschön hat es in sich: Mit allein 260 Millionen Euro beteiligt der Chemie-Konzern BASF die 33.000 Mitarbeiter am Standort Ludwigshafen am guten Geschäftsjahr 2010. Weltweit spendiert er seiner Mannschaft weitere 50 Millionen Euro „für die außergewöhnliche Teamleistung zur Bewältigung der Krise“, erklärt BASF-Chef Jürgen Hambrecht. Er schwärmt: „Was ich da an Flexibilität, Einsatz und Teamgeist erlebt habe, war großartig!“

Auch die meisten der weltweit 14.500 Mitarbeiter des Chemie-Unternehmens Lanxess in Leverkusen teilen sich neben einer Erfolgsbeteiligung ein Extra-Bonbon von 20 Millionen Euro. Ebenfalls für die gelungene Zusammenarbeit in der Krise.

Das tut gut. Denn noch im Herbst 2009 sah die Welt ganz anders aus. In vielen Betrieben gab es Kurzarbeit mit Lohneinbußen, die Metall- und Elektro-Industrie musste bundesweit 200.000 Stellen streichen. Die Chemie hielt ihre Leute an Bord – obwohl die Kurzarbeit bei den Arbeitgebern mit einer viertel Milliarde Euro ins Kontor schlug und die Lohnkosten je Produktionseinheit nach oben schossen. Der Personalabbau war mit 10.000 viel geringer, und inzwischen wird vielerorts schon wieder eingestellt. Allein BASF plant im Inland 800 neue Stellen.

„Wir hatten einen Aufschwung V“

Die Chemie-Gewerkschaft IG BCE spricht von einem „Aufschwung XXL“. Und fordert prompt: „Kräftig zulangen!“ Sie will für die bundesweit 550.000 Beschäftigten 7 Prozent mehr Lohn.

Aufschwung XXL? „Wir hatten eher einen Aufschwung V“, meint Professor Roland Döhrn, Konjunkturexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen, im Gespräch mit AKTIV. „Es ging steil runter und dann eine gewisse Zeit wieder steil bergauf. Man muss abwarten, was nach dem Anstieg folgt.“ Döhrn warnt: „Das Umfeld in Europa ist nicht so kräftig, viele Länder haben Prob-leme – und das sind unsere Kunden!“

Unterdessen haben Mitarbeiter jener Firmen, die wieder auf Kurs sind, am Erfolg oft schon einen Anteil – nicht nur bei BASF oder Lanxess. Etwa in Form von großzügigem Weihnachtsgeld, Sonderzahlungen zur Krisenbewältigung oder Erfolgsbeteiligungen.

Wie bei Wacker in München: Im April legt das Unternehmen 74 Millionen Euro auf das Gehalt der 8.000 Chemie-Mitarbeiter am Standort Burghausen. Möglich macht’s eine spezielle Betriebsvereinbarung: In schlechten Zeiten gibt es nichts, in guten ist die Belegschaft an der Geschäftsentwicklung beteiligt.

„6.000 Euro Einmalzahlung“ bekommt etwa ein Facharbeiter mit 40.000 Euro Jahresbrutto, rechnete Wacker-Betriebsratschef Anton Eisenacker kürzlich im Radio vor (siehe unten). In dem Beitrag kommt auch Florian Murr zu Wort, Schlosser in der Hauptwerkstatt: Zwar sei die Arbeit im letzten Jahr „herbe stressig“ gewesen. Aber jetzt wisse er, „wofür man gearbeitet hat“. Sein Urlaub falle dieses Jahr „etwas besser“ aus, verrät er: „Ich fahr nach Spanien.“

Höchster privater Konsum seit Jahren

Seine Kollegin Sandra Nyari liebäugelt mit einem neuen Auto, sie hat „ein bisschen mit der Prämie gerechnet“. Betriebsrat Eisenacker meint: „Jeder Vorstand freut sich drüber, dass er in einem so guten Jahr der Belegschaft was abgeben kann!“

Aber: „Verteilen lässt sich nur, was als echter Zuwachs erwirtschaftet wird“, erinnert Hans-Carsten Hansen, Verhandlungsführer des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie. Er hat dabei die Tarifverhandlungen im Blick, die Ende März in die zweite Runde gehen. Er verweist darauf: Das Produktionsniveau von vor der Krise ist bei vie-len Unternehmen noch immer nicht erreicht. „Der von der Gewerkschaft geforderte Schluck aus der Pulle darf nicht zu groß sein“, mahnt auch BASF-Chef Hambrecht.

„Im Vordergrund“, so Hambrecht, „müssen die Sicherheit der Jobs und die Wettbewerbsfähigkeit stehen.“ Man dürfe die dank hoher Produktivität gute Position „nicht durch zu starke Tarif-Erhöhungen gefährden“.

Dabei war selbst das Krisen-Jahr 2009 für die Lohnentwicklung in Deutschland „kein schlechtes Jahr“, so Professor Döhrn. „Obwohl die Wirtschaftsleistung um fast 5 Prozent schrumpfte, stiegen die Löhne aufgrund früherer Tarifverhandlungen um mehr als 2 Prozent.“

In der Chemie waren es sogar 3,3 Prozent. Auch 2010 gab es ein Plus: Jeder Mitarbeiter erhielt eine Einmalzahlung von 550 Euro, zwei von drei Firmen zahlten 750 Euro.

Nur Belgien ist teurer als Westdeutschland

Dass bereits mehr Geld in der Tasche klimpert, spüren viele: Laut Studie des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK sieht immerhin jeder dritte Deutsche seine Finanzlage positiv – vor Jahresfrist war es jeder Vierte. Das Institut schätzt, dass die Menschen in Deutschland dieses Jahr 1,5 Prozent mehr kaufen – Teuerung schon gegengerechnet. 2010 stieg der sogenannte Private Verbrauch um 0,5 Prozent.

Die neue Lust am Shoppen liegt zum einen am robusten Arbeitsmarkt. Die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland ist mit 40,5 Millionen auf einem Rekordhoch. Doch es drückt sich eben auch die Stimmung aus: So ganz leer werden wir in der Lohnrunde schon nicht ausgehen.

Immerhin stiegen die Chemie-Tariflöhne in den letzten zehn Jahren deutlich stärker als die Preise (siehe Grafik in der Galerie). In Westdeutschland um mehr als ein Viertel, in Ostdeutschland aufgrund der stufenweisen Angleichung mit dem Westen um gut die Hälfte. Das hat seinen Preis. Nach der jüngsten Vergleichsstatistik kostete eine Chemie-Arbeitsstunde die Betriebe in Westdeutschland 2009 im Schnitt 46 Euro, in den USA 27 und in Polen nur 9 Euro.

Weltweit ist nur Belgien mit 51 Euro teurer.


Info: Radiobericht

Den Bericht des Radiosenders Bayern 1 über die Finanzspritze beim Chemie-Unternehmen Wacker gibt‘s zum Nachhören im Internet unter www.firsturl.de/HRYSQJg

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