Berufswahl

Jetzt kommt der Ernst des Lebens


Ist der Traumberuf auch realistisch? Projekt bietet Schülern Rat aus erster Hand

Dortmund. Schüler robben mit dem Zollstock über den Boden, messen den Unterrichtsraum aus. Andere zählen die Steckdosen, überlegen, wo die Kabelkanäle verlaufen sollen. Ihre Aufgabe: möglichst viele Computer-Arbeitsplätze einzurichten.

„Elektro- und Kommunikationstechniker machen das alle naselang“, sagt Ulrich Reichert, ehemaliger Ausbilder bei Siemens, zu den  Schülern der Klasse 9d an der Johann-Gutenberg-Realschule in Dortmund. Er ist einer von knapp 30 Senior-Experten im Projekt „Neue Brücken in den Beruf“ der Agentur für Berufsbildung (AFB).

Reichert und seine Kollegen stehen oft vor der Tafel. Und erzählen, worauf es im Berufsleben so alles ankommt. An dem Dortmunder Projekt nehmen alle Haupt- und Realschulen rund um Borussia-City teil, außerdem die Hälfte der Gesamtschulen und der Gymnasien. So erhalten pro Jahr fast 10.000 Schüler Einblicke in verschiedene Berufe, zudem eine persönliche Beratung. „Das ist in dieser Dimension einmalig“, so Michael Bartilla, Fachbereichsleiter der AFB.

Finanziert wird „Neue Brücken in den Beruf“ je zur Hälfte vom Unternehmensverband der Dortmunder Metall- und Elektro-Industrie und von der Arbeitsagentur. Ziel: ein nahtloser Übergang von der Schule in die Lehre. Denn viele Jugendliche drehen unnötige Warteschleifen. Oder brechen ab: falscher Beruf, unrealistische Vorstellungen.

Es gibt auch einen Einstellungstest

Die neunte Klasse hat inzwischen das Großraumbüro mit 23 PC-Arbeitsplätzen eingerichtet. Und durfte auch einen Computer „zerpflücken“. Jetzt wird es ernst: „Einstellungstest“! Der läuft wie bei der Bewerbung im Betrieb, nur kürzer: Gefragt sind Mathe- und Rechtschreibkenntnisse, Englisch, technisches Denken, Allgemeinbildung.

„Uff!“: Riccardo ist erleichtert. Es war nicht sooo schlimm. Aber für seinen Traumberuf müsste er bei Mathe eine Schippe drauflegen. Riccardo will später mal Computer-Netzwerke aufbauen. „Ich helfe meiner Mutter, die Bücher für ihren Friseursalon zu führen“, sagt der Junge: mit dem Excel-Programm sei das schnell erledigt.

Die 9d macht schon zum dritten Mal in dem Projekt mit. Vor einem Jahr hat ein Berufsberater Stärken und Schwächen der jungen Leute analysiert.

Ein Kompetenzcheck folg-te. Riccardo etwa bescheinigten Lehrer und Eltern, er sei „teamfähig, hilfsbereit und ehrgeizig“. Ehrgeizig, klar: IT-Fachleuten winken gute Aufstiegschancen. Dass er andere führen und begeistern kann, hat er auch schon bewiesen: „Ich bin der Kapitän meiner Fußballmannschaft.“

Mathe ist der Knackpunkt

Derweil hat sich auch Nadine dem Check unterzogen. „Bei mir kam alles auf Handwerk raus“, sagt das blonde Mädchen. Seit ein paar Wochen weiß sie auch schon, welches: Innenausstatterin. Aber – oh Schreck – der Mathe-Test! Kaum ein Ergebnis ist richtig. Doch auch eine Innenausstatterin muss viel rechnen: den Stoff für Gardinen und Polster bemessen, die Kosten kalkulieren. „Egal, in welchem Beruf, das Rechnen wird euch nie verlassen“, warnt Senior-Experte Reichert.  Selbst wenn beim Test alles schiefläuft, „wir sagen nie: Aus dir wird nix!“, betont Michael Bartilla. „Wir sagen: Setz dich auf den Hosenboden und tu was!“

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Schlagwörter: Ausbildung

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