Auto-Krise

Jetzt den Hebel richtig ansetzen


Wie der größte Industriezweig Metall und Elektro die im Aufschwung geschaffenen Stellen sichern will

Eigentlich könnte es kaum schlimmer kommen: Leoni, Europas größter Hersteller von Kabel- und Bordnetzen für Fahrzeuge, ist von der Auto-Krise gleich doppelt be­troffen. Denn er produziert auch Kabel für Roboter, die bei Audi, BMW & Co. zum Einsatz kommen. Und laufen weniger Autos vom Band, werden auch weniger Roboter benötigt.

Bei dem Nürnberger Fahrzeugzulieferer blickt man trotzdem recht gelassen in die Zukunft. Weil er mit neuen Projekten vorgesorgt hat: Kabelbäume und Bordnetze von Leoni werden von 2009 an etwa in die neue Mercedes-E-Klasse so­wie die neuen 7er und Z4 von BMW eingebaut.

Beispiele wie Leoni gibt es viele in der Metall- und Elektro-Industrie. Unternehmen, die in der Krise geschickt gegensteuern. Denn die Branche hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Sie will das Gros der  im letzten Aufschwung neu geschaffenen 250.000 Arbeitsplätze im Ab­schwung sichern.

Gute Gewinne helfen durch die Krise

Was durchaus möglich ist. Denn die Betriebe stehen heute besser da als vor dem letzten Ab-schwung 2001/2002 – auch dank der in den letzten Jahren  deutlich gestiegenen Gewinne, die über magere Zeiten hinweghelfen (siehe Interview).

Natürlich bremst die Krise   auch den Zulieferer Leoni aus, der damit fertig werden muss, „dass die bestellten Stückzahlen deutlich zurückgehen“, so Firmensprecher Sven Schmidt. Doch das schlägt nicht gleich auf die Jobs durch.

 

So feiern in den deutschen und ausländischen Werken die Mitarbeiter jetzt Überstunden ab. Als nächster Schritt kommt Kurzarbeit infrage – „wenn die Aufträge mit dem selben Tempo wie zuletzt sinken“, sagt Schmidt. Seit Oktober  nahmen  sie um ein Viertel ab.

Freilich: Ganz ohne Stellenstreichungen wird es hier wohl nicht gehen. Die erfolgen zu­nächst aber im Ausland. Kündigungen hierzulande könne es, wenn überhaupt, „frühestens Mitte nächsten Jahres geben“, so Schmidt. Der jüngste Tarifabschluss bei  Metall und Elektro vergrößere den Handlungsspielraum: „Wir erwägen, die flexiblen Elemente zu nutzen“, sagt der Unternehmenssprecher.

Auch ZF Lenksysteme muss das Steuer herumreißen, weil Aufträge ausbleiben. So leisten die 4.200 Mitarbeiter des Lenkungsherstellers am Stammsitz Schwäbisch Gmünd fortan keine Überstunden mehr. Zudem ruht vom 19. De­zember an für drei Wochen der Betrieb.

Eine Prognose, wie es 2009 weitergehen wird, mag Michael Hankel, der Vorsitzende der Geschäftsführung, nicht geben.  Aber er sagt: „Wir  können mit un­seren flexiblen Ar­beits­zeitmodellen gut auf Durststrecken reagieren.“

Erst mal Konten leeren

Die Krise greift auf im­mer mehr M+E-Sparten über – wie etwa die Hersteller von Baumaschinen. Beispiel Wacker Construction in München. Hier lagen die Aufträge für kleine Frontkipper in den ersten neun Monaten um die Hälfte niedriger als im Vorjahr. Die Firma schließt ein Werk in Wa­les –  und verlagert die Produktion nach Linz in Österreich.

Dort und in seinen anderen Fabriken nutzt das Unternehmen jetzt den Spielraum durch die Arbeitszeitkonten, so Sprecher Imre Szerdahelyi: „Die reichen derzeit noch aus, um Kurzarbeit zu vermeiden. Für den Fall, dass sich die Auftragslage weiter verschlechtert, ist Kurzarbeit jedoch nicht ausgeschlossen.“

„Wir verbuchen seit drei Mo­naten Auftragsrückgänge“, sagt Stefan Halder, Chef der Erwin Halder KG in Achstetten-Bronnen bei Ulm. Die 200 Mitarbeiter produzieren Normteile, Spannvorrichtungen sowie sogenannte Schonhämmer, deren Köpfe aus Kunststoff sind.

Seine Belegschaft will Stefan Halder auch in mageren Zeiten halten. Dank Flexi-Konten. Der Zeitrahmen reicht von minus 250 bis plus 250 Stunden. Bei den meisten Mitarbeitern seien diese Konten voll. „Damit können  wir  im  Extremfall  knapp 15 Wochen Stillstand überstehen.“

Joachim Herr,  Joachim Sigel

 

Arbeitsmarktexperte: Metall-Betriebe sind gut für die Krise gewappnet

„Kein Grund zur Panik“

Deutschland kurz vor dem Krisenjahr 2009: Betriebe drosseln die Produktion, müssen sich von Mitarbeitern trennen. Fragen an Holger Bonin, Arbeitsmarktexperte am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim.

AKTIV: Herr Bonin – wie ist Deutschlands wichtigster Indus­triezweig Metall und Elektro für den Abschwung gerüstet?

Bonin: Ziemlich gut. Die Unternehmen  stehen jetzt besser da als beim letzten Ab­schwung 2001/2002. Die Gewinne sind ge­stiegen. Sie sind wichtig, um die Krise zu überstehen.

AKTIV: Was Stellen sichern könnte. Trotzdem befürchten jetzt viele, dass es in der deutschen Wirtschaft wieder massive Entlassungen geben wird.

Bonin:  Nicht unbedingt! Was viele übersehen – auch im Abschwung werden Stellen ge-schaffen. Es gibt immer Firmen, die wachsen. Die in der Vergangenheit die Weichen richtig gestellt haben. Und solche Betriebe kommen mit ih-ren Belegschaften auch gut durch einen Abschwung. Weil sie die Kosten im Griff haben.

AKTIV: Zumindest bei den Lohnkosten ist die Metall- und Elektro-Branche jetzt wetterfest – dank des jüngsten Tarifabschlusses?

Bonin:  Ganz klar – es ist ein guter Abschluss. Weil er zum einen den Mitarbeitern einen ordentlichen Lohnzuwachs bringt und zum anderen die Betriebe nicht überfordert.

AKTIV: Und wenn es jetzt wirtschaftlich ganz steil nach un­ten geht?

Bonin: Werden die meisten Betriebe ihre Stammbelegschaften dennoch zu halten versuchen. Man lässt doch Facharbeiter nicht gern ziehen, die man im Aufschwung dann wieder braucht.

AKTIV: Aber wenn doch weniger zu tun ist  …

Bonin: ... dann haben die Betriebe gleich mehrere Möglichkeiten, um zu reagieren. Arbeitszeitkonten leeren, Überstunden herunterfahren. Und: Noch mehr Betriebe werden sich von Zeitarbeitern trennen. Und so ihre Stammbelegschaften sichern.

AKTIV: Da kommt jetzt auch Unterstützung von der Politik.

Bonin: Die Regierung hat gerade das Kurzarbeitergeld von 12 auf 18 Monate verlängert. Entlassungen im großen Stil werden wir deshalb, wenn überhaupt, frühes­tens Ende 2009, Anfang 2010 erleben. Die Betriebe werden nach dem Motto verfahren: Erst mal abwarten. Also kein Grund zur Panik!

AKTIV: Wie lange wird der Abschwung dauern?

Bonin: Schwer zu sagen. Wenn wir Glück haben, dauert er insgesamt nur 12 bis 18 Mo­nate. Dann wäre der Spuk spätestens Ende2009 vorbei.

Interview: Wilfried Hennes

 

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