Krise

„Irgendwie hält jeder die Luft an“


Wie Leica Microsystems durch die schwierigen Zeiten steuert

Wetzlar. „Ganz klar, die Stimmung ist gedrückt – auch wenn es uns im Vergleich zu manch anderem Unternehmen gut geht“, sagt Markus Kilb, Industriemeister und Gruppenführer in der Montage von Leica Microsystems in Wetzlar.

Das Unternehmen (weltweit mehr als 4.000 Mitarbeiter, davon 700 in Wetzlar) steht mit seinen optischen Präzisionssystemen seit 160 Jahren für Innovation und Technologieführerschaft. Aktuell lassen Auftragseingang und Umsätze zu wünschen übrig. Nur einzelne Produkte, vor allem die Hightech-Geräte für Wissenschaft und Forschung, laufen weiterhin gut.

Schautafeln zur Auftragslage

Die Nachfrage aus der Industrie, die Leica-Geräte etwa in der Qualitätssicherung einsetzt, ist dagegen abgesackt. „Seit Februar sind wir deshalb nicht mehr voll ausgelastet“, sagt Personalchef Uwe Dreiling. „Wir haben begonnen, Überstunden abzubauen.“ Für die Mitarbeiter zahlt es sich nun aus, dass es neben dem Gleitzeit- auch ein Langzeitkonto gibt. Dieses ist bei vielen sehr gut gefüllt, dank der zurückliegenden Boom-Jahre 2007 und 2008.

Jede geleistete Stunde wurde gegen Insolvenz gesichert. Per Vertrag zwischen Mitarbeiter, Arbeitgeber, Betriebsrat und der Bank sind die Guthaben abgesichert. Erst wenn ein Großteil der Mitarbeiter über keine positiven Zeitkonten mehr verfügt, wird über Kurzarbeit nachgedacht. „Im Moment haben wir noch eine relativ gute Stimmung im Haus“, meint der Betriebsratsvorsitzende Arnold Voss. „Aber natürlich haben die Leute Angst – schon wegen der vielen Negativmeldungen in den Medien über die allgemeine Lage.

Dennoch werde man die Krise gemeinsam bewältigen. Wichtige Voraussetzung dafür sei die offene Unternehmenskultur und die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Management. Jede Woche setzen sich Betriebsrat und Geschäftsleitung zusammen, um die Entwicklung zu ermitteln und weitere Schritte zu beraten. Wann Überstunden abgebaut und freie Tage genommen werden, entscheiden die betroffenen Teams innerhalb eines festgesetzten Korridors selbst. Anhand von Schautafeln kann jeder Beschäftigte in den einzelnen Abteilungen sehen, wie die Auftragslage ist.

An der Ausbildung wird nicht gespart

Gruppenführer Kilb: „Trotzdem werde ich sehr oft gefragt: Was gibt’s Neues? Haben wir genug zu tun?“ Alle hoffen, dass es bald wieder aufwärts geht. „Irgendwie hält jeder die Luft an.“

Richtig gut läuft es nach wie vor bei Sven Keiner und seinen Kollegen. In seiner Gruppe wird ein relativ preiswertes Standardmikroskop montiert – das noch vor zwei Jahren in Portugal gefertigt wurde.

„Wir konnten die Konzernleitung davon überzeugen, dass wir auch die am Hochlohn-Standort Deutschland kostengünstig herstellen können“, erklärt Personalchef Dreiling. Dafür sorgten „verbesserte Produktionsprozesse“ und die „hohe Qualifikation unserer Mitarbeiter“ – beste Bedingungen, um die Arbeitsplätze zu sichern. Auch an der Zahl der Ausbildungsplätze und der Teilnehmer an dem mit Fachhochschulen vereinbarten Projekt „Studium Plus“ soll sich nichts ändern – damit man gerüstet ist, wenn es wieder aufwärts geht.

Und dass die Wende kommt, davon ist Markus Kilb überzeugt. In 32 Jahren bei Leica hat er schon einige Krisen erlebt. „Wir können was, sind gut ausgebildet, produzieren Spitzen-Qualität – und „Made in Germany“ hat weltweit nach wie vor einen guten Ruf. Das stimmt mich und mein Team einfach optimistisch.“

Maja Becker-Mohr

Info: Leica Microsystems

Das Unternehmen ist ein weltweit führender Entwickler und Hersteller von optischen Hightech-Präzisionssystemen für die Analyse von Mikrostrukturen. Hauptsitz ist Wetzlar, es gibt elf internationale Werke, Vertriebs- und Servicegesellschaften in 19 Staaten und Händler in mehr als 100 Ländern. Umsatz 2008: rund 750 Millionen Euro, davon mehr als 60 Prozent außerhalb Europas.

www.leica-microsystems.com

 

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