So klappt der Einstieg in den Beruf

Integrationslotsen helfen Geflüchteten und Betrieben

AKTIV beschreibt, wie es der Firma SKF in Walldorf mithilfe einer Integrationslotsin gelang, drei Neuankömmlinge in Ausbildung zu bringen. Ein anderer Fall zeigt, wie Teilzeitausbildung jungen Müttern hilft.

Im Glück: Joe Fatty aus Gambia lernt den ­Beruf des Maschinen- und Anlagen­führers. Foto: Sigwart

Im Glück: Joe Fatty aus Gambia lernt den ­Beruf des Maschinen- und Anlagen­führers. Foto: Sigwart

Ansprechpartnerin: Inte­grationslotsin ­Annika-Maren Gebauer mit Hukmeddin Noori (links) und Adel Safari. Foto: Sigwart

Ansprechpartnerin: Inte­grationslotsin ­Annika-Maren Gebauer mit Hukmeddin Noori (links) und Adel Safari. Foto: Sigwart

„Die drei haben sich sehr gut gemacht und sind gut integriert.“ Michaela Hellmann, Personalleiterin. Foto: Sigwart

„Die drei haben sich sehr gut gemacht und sind gut integriert.“ Michaela Hellmann, Personalleiterin. Foto: Sigwart

Walldorf/Schwäbisch Gmünd. Joe Fatty (21) aus Gambia hat es geschafft: Zusammen mit Adel Safari (29) und Hukmeddin Noori (31), beide aus Afghanistan, startete er am 1. September eine zweijährige Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer bei der Firma SKF Lubrication Systems Germany in Walldorf. Ob es tatsächlich klappen würde, blieb für die drei Geflüchteten bis zuletzt spannend: Erst eine Woche vor Ausbildungsbeginn kam die behördliche Genehmigung.

Das Unternehmen, das Schmiersysteme für die Industrie herstellt, ist zufrieden mit den neuen Azubis: „Die drei haben sich sehr gut gemacht und sind gut integriert“, sagt Michaela Hellmann, Personalleiterin der SKF-Standorte Walldorf und Hockenheim mit rund 450 Mitarbeitern. Trotzdem sei es natürlich aufwendiger, Flüchtlinge zu begleiten. Da gibt es nicht nur anfängliche Verständigungsprobleme: Auch die bürokratischen Hürden sind nicht zu unterschätzen. Hellmann war daher froh, die Integrationslotsin Annika-Maren Gebauer an ihrer Seite zu haben.

Sie begleitet Unternehmen, die Neuankömmlinge ausbilden oder beschäftigen wollen. Die Integrationslotsen sind ein 2016 gestartetes Projekt des Arbeitgeberverbands Südwestmetall. Gebauer in Heidelberg, drei Kolleginnen und ein Kollege in Freiburg, Ludwigsburg, Stuttgart und Villingen-Schwenningen unterstützen die Firmen.

Die Lotsen kennen Qualifizierungs- und Fördermöglichkeiten und helfen bei der betrieblichen Integration. Zugleich sind sie Ansprechpartner für die Flüchtlinge, die sie auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt begleiten.

In den ersten 18 Monaten konnten die fünf Integrationslotsen insgesamt 145 Flüchtlingen ein Praktikum, 75 Einstiegsqualifizierungen (EQ), wie sie auch Safari, Fatty und Noori durchliefen, und 57 Ausbildungsplätze vermitteln. In elf Fällen verhalfen sie zu einem Arbeitsplatz. „Der Großteil der Flüchtlinge ist sehr motiviert und gibt sich sehr viel Mühe“, sagt Integrationslotsin Gebauer.

Nicht nur für Flüchtlinge sind Praktika und Einstiegsqualifizierungen eine Möglichkeit, sich zu bewähren. In Baden-Württemberg gibt es jedes Jahr etwa 1.800 EQ-Plätze, davon mehr als 700 beim Berufspraktischen Jahr (BPJ-BW). Zielgruppe sind junge Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung, die sich mit dem Berufseinstieg schwertun. Zuletzt hatten sechs von zehn Teilnehmern einen Migrationshintergrund, 64 Prozent konnten in Ausbildung und Arbeit vermittelt werden.

Das Berufspraktische Jahr bringt Unternehmen und ausbildungswillige junge Menschen zusammen. Auf eine Vorbereitungsmaßnahme folgt ein langfristiges Betriebspraktikum: die Einstiegsqualifizierung in den angestrebten Beruf. Sie dauert sechs bis zwölf Monate. Wo möglich, besuchen die Teilnehmer die Berufsschule, sie bekommen Stütz- und Förderunterricht und werden sozialpädagogisch begleitet. „Ausbildung ist teuer, und sie ist aufwendig für die Unternehmen“, sagt Heinz Schwager, Geschäftsfeldleiter Berufsvorbereitung und Ausbildung beim Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft e. V. (siehe Interview). Wenn nicht alles nahezu reibungslos funktioniere, sei es für viele einfach betriebswirtschaftlich nicht machbar.

Annette Assfalg kann das bestätigen. „Hilfestellung ja: Aber es muss laufen“, sagt die Unternehmerin aus Schwäbisch Gmünd. Sie ließ eine alleinerziehende Mutter zunächst ein Praktikum machen, bevor diese mit der dreijährigen Teilzeitausbildung beginnen konnte.

Nach zehn Jahren Pause wieder in die Schule gehen – das fällt schwer

Seit Juli arbeitet Beata Mencnerowska, inzwischen 33, nun Vollzeit als Kauffrau im Groß- und Außenhandel bei dem Spezialisten für Metallbearbeitung Assfalg, der 20 Mitarbeiter beschäftigt. „Das Wichtigste ist das genaue Matching zwischen der Auszubildenden und dem Betrieb“, sagt die Chefin.

Vermittelt wurde der Kontakt über Martien de Broekert vom Netzwerk Teilzeitausbildung Baden-Württemberg. Das Netzwerk, an dem sich auch Südwestmetall beteiligt, informiert über die Möglichkeit zur Teilzeitausbildung und fördert deren Umsetzung.

Leicht zu schultern war die Ausbildung im Rahmen des ESF-Projekts „AITA – Alleinerziehende Frauen in Teilzeitausbildung“ für beide Seiten nicht. 75 Prozent der normalen Regelarbeitszeit verbrachte die Auszubildende im Betrieb, hinzu kam die normale Berufsschule. Mencnerowska brachte aus Polen einen Abschluss mit, der mit dem deutschen Abitur und einer Ausbildung im Einzelhandel vergleichbar war. Ihr fiel es schwer, nach zehn Jahren Pause wieder zur Schule zu gehen. Zugleich musste sie den Haushalt wuppen und sich um die zwei schulpflichtigen Kinder kümmern. Wenn es mal eng wurde, war die Chefin zur Stelle. So durfte die junge Mutter morgens in der Firma lernen, als sie es daheim nicht mehr schaffte. Und als der Unterhaltsvorschuss auslief und das Geld knapp wurde, sprang der Arbeitgeber privat in die Bresche.

Eine Teilzeitausbildung laufe nicht so nebenbei, sagt Annette Assfalg und fügt hinzu: „Ich war von Anfang an überzeugt davon, und jetzt sind wir alle ganz happy.“


Engagement für Bildung

  • Familie und Frühförderung: Das von Südwestmetall initiierte Programm familyNET gibt Unterstützung bei der Einführung neuer Angebote für eine familienbewusste Arbeitswelt.
  • Berufsorientierung: Gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit bietet der Verband Berufsorientierungsprojekte für verschiedene Altersstufen und Schularten an.
  • Aus- und Fortbildung von Pädagogen: Die Technik-ErzieherInnen-Akademie sensibilisiert Erzieherinnen und Erzieher für naturwissenschaftliche und technische Themen.
  • MINT: Das Interesse an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik soll gefördert werden mit Projekten wie „Technolino“ in Kitas. Der Truck „Discover Industry“ macht die Industrie für Schüler erlebbar.
  • Kooperation von Hochschule und Wirtschaft: Das MINToring bietet praxisnahe Studienorientierung und Unterstützung auf dem Weg in ein MINT-Studium.
  • Übergang in die Ausbildung: Beispiele für das Engagement des Verbands sind das von mehreren Trägern geförderte Berufspraktische Jahr mit dem Sozialpartnermodell „Chance M+E“, das Jugendlichen eine Perspektive in der Metall- und Elektro-Industrie bietet, oder die Integrationslotsen.

Weitere Informationen unter: suedwestmetall-macht-bildung.de

Interview: Ausbildung ist der Schlüssel zu Erwerbsarbeit

Foto: Privat
Foto: Privat

Balingen. Viele junge Menschen brauchen Starthilfe in den Beruf. AKTIV sprach darüber mit Heinz Schwager, Geschäftsfeldleiter Berufsvorbereitung und Ausbildung beim Bildungswerk der ­Baden-Württembergischen Wirtschaft.

Warum ist eine Ausbildung für junge Menschen so wichtig?

Eine Ausbildung ist der Schlüssel zu Erwerbsarbeit und damit zu gesellschaftlicher Teilhabe. Daher ist es wichtig, dass jeder junge Mensch die Chance bekommt, eine Berufsausbildung zu beginnen und auch abzuschließen.

Viele junge Menschen schaffen den Einstieg nur mit Unterstützung. Warum?

Berufsausbildung muss auf einer soliden Basis aufbauen können. Ausbilder und Berufsschullehrer haben nicht die Möglichkeit, bei der Vermittlung von Wissen und Einstellungen von vorne anzufangen. Viele Jugendliche bringen die erforderliche Ausbildungsreife nicht in ausreichendem Maße mit: Daher benötigen sie besondere Unterstützung, um ihre Kompetenzen zu erkennen und zu erweitern.

Was ist wichtig, um junge Leute fit für die Ausbildung zu machen?

Neben den wichtigen schulischen Basiskompetenzen benötigen junge Menschen zunehmend Schlüsselkompetenzen, sogenannte Soft Skills. Der Lernort Betrieb muss daher ein Handlungsumfeld ermöglichen, um Sach- und Methodenkompetenz, Sozialkompetenz und Selbstkompetenz zu erlernen und anwenden zu können. Durch die Schlüsselkompetenzen sind Auszubildende in der Lage, sich berufliches Wissen bei Bedarf schneller aneignen und dann anwenden zu können.

Warum engagiert sich Südwestmetall in diesem Bereich?

Das Ziel ist es, den Fachkräftenachwuchs zu sichern. Mit dem Programm „Südwestmetall macht Bildung“ werden Begabungen gezielt und individuell gefördert, daher engagiert sich Südwestmetall auch für einen besseren Übergang in die Ausbildung. Das duale Ausbildungssystem muss einerseits für leistungsstarke Schulabgänger attraktiv bleiben, andererseits auch Wege für leistungsschwächere Schulabgänger eröffnen. Als Partner des Landes und der Bundesagentur für Arbeit engagiert sich Südwestmetall daher in verschiedenen Projekten zur Integration und Ausbildung.BG

Mehr zum Thema:

Über eine Million Flüchtlinge sind nach Deutschland gekommen. Welche Chancen haben sie auf dem Arbeitsmarkt? Wie engagieren sich Betriebe und Verbände, damit aus Fremden Kollegen werden? Was bedeutet die Zuwanderung für die Staatsfinanzen?

aktualisiert am 15.12.2017

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