Voll dabei trotz Handicap

Integration: Unternehmen beschäftigen mehr Menschen mit Behinderung

Mertingen/Passau. Als Kind wurde Christine Mayr oft ausgelacht. „Hier im Betrieb ist mir das noch nie passiert“, sagt die heute 61-Jährige fröhlich. Sie kam gehörgeschädigt zur Welt, lernte erst spät sprechen. Im Job ist das heute kein Problem: Seit fast 40 Jahren arbeitet Mayr für den bayerischen Wohnwagenhersteller Fendt Caravan in Mertingen – und macht dort zuverlässig ihren Job, sogar im Schichtbetrieb.

Die bayerische Wirtschaft steht gut da bei der Inklusion, der Teilhabe behinderter Menschen an unserer Gesellschaft. Im Freistaat sind rund 185.000 Menschen mit Schwerbehinderung beschäftigt. Das ist fast ein Drittel mehr als noch vor zehn Jahren.

Im Bundesdurchschnitt betrug der Zuwachs nur rund ein Fünftel. Das Plus geht nicht nur auf das Konto von Behörden. Im Gegenteil: Zwei Drittel der beschäftigten Schwerbehinderten sind für einen privaten Arbeitgeber tätig.

Schlaganfall oder Krebs, das kann jeden treffen

Der Anstieg hat mehrere Gründe: Die meisten Behinderungen sind nicht angeboren, sondern entstehen im Lauf des Lebens durch eine Krankheit oder – seltener – einen Unfall. Mit steigendem Durchschnittsalter der Belegschaften gibt es daher auch mehr Mitarbeiter mit Handicap.

Dazu kommt: Immer mehr Firmen beschäftigen bewusst Menschen mit Behinderung, auch um den steigenden Bedarf an Fachkräften zu decken. Sie fahren gut damit. „Oft erfüllen behinderte Menschen ihre Aufgaben sogar besonders motiviert“, so Hans Frindte, der kaufmännische Geschäftsführer von Fendt Caravan.

Wie Christine Mayr. In der werkseigenen Schreinerei versieht sie Bodenleisten mit Bohrungen. Dazu hat sie 50 Grundrisse für Wohnwagen im Griff. Dank winziger Hörgeräte bekommt sie alles Wichtige mit, kann zwischendurch auch mit Kollegen plaudern.

Bedient Mayr die große Bohrmaschine, stülpt sie spezielle Ohrschützer über. Fendt Caravan mit rund 550 Mitarbeitern zählt insgesamt 58 Schwerbehinderte im Betrieb. Das entspricht einer Quote von 10,6 Prozent, gut doppelt so viel wie der Gesetzgeber für Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern vorschreibt.

Schlaganfall, Krebs oder ein Rückenleiden, das kann jeden Mitarbeiter treffen. Mittelständler Fendt Caravan lässt seine Leute in so einer schwierigen Situation nicht allein. „Wir suchen gemeinsam nach einer Lösung, falls jemand aufgrund einer gesundheitlichen Belastung plötzlich nicht mehr die gleiche Leistung erbringen kann wie zuvor“, sagt Manager Frindte.

Der Wohnwagenhersteller lässt sich einiges einfallen, um Arbeitsplätze behindertengerecht umzugestalten. Etwa für Wolfgang Kugler (43). Er ist in der Möbelfertigung. Seit einem Bandscheibenvorfall nutzt er Hebevorrichtungen, um lange Bretter zu bewegen.

Am liebsten mag er die Spätschicht. „Dann kann ich vormittags zur Reha gehen.“ Ist kein Umbau am Arbeitsplatz möglich, wird ein neuer Einsatzort gesucht. Uwe Wiedemann (51) ist seit 25 Jahren bei Fendt Caravan. Als sein Rücken Probleme machte, probierte er mehrere neue Einsatzorte im Betrieb aus. „Hier geht vieles per Knopfdruck“, sagt der Facharbeiter, der heute die Biegemaschine bedient. „Und ich kann mal stehen, mal sitzen, das entlastet den Rücken.“

Fendt Caravan hat gute Erfahrungen mit der Inklusion gemacht. Menschen mit Behinderung seien genauso leistungsfähig wie andere, sofern sie die passende Arbeit machen.

Ein Blinder notiert den Rückruf am Empfang

Das zeigt ein Blick zum Technologiekonzern ZF Friedrichshafen in Passau. Wer dort anruft, ahnt nicht, dass der freundliche Herr am anderen Ende der Leitung von Geburt an blind ist. Herbert Munz (55) vermittelt Gespräche und gibt Informationen weiter. Ein normaler Telefonarbeitsplatz. Nur dass Munz Nummern nicht mit einem Stift notiert, sondern mit seiner Schreibmaschine für die Blindenschrift Braille tippt. Seit 36 Jahren arbeitet er bei ZF und fühlt sich hier „gut aufgehoben“.

Herbert Munz ist einer von 449 Schwerbehinderten, die am ZF-Standort Passau beschäftigt sind. Insgesamt zählt das Werk mehr als 4.000 Mitarbeiter, der Anteil der Schwerbehinderten liegt bei 10,3 Prozent. Personalleiter Marc Pastowsky ist stolz auf die Quote.

Sein Anliegen, ebenso wie das von Vertrauensmann Josef Sattler: Qualifizierten Mitarbeitern trotz Behinderung eine Perspektive bieten. Davon haben beide Seiten etwas. Der Konzern hält seine Fachkräfte. Und die Mitarbeiter sind im Berufsalltag integriert.

In der Montagehalle hat ZF einen extra Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderung konstruiert. Drei Mitarbeiter bastelten dafür zunächst ein Modell aus Pappe. Statt eines u-förmigen Montageplatzes gestalteten sie eine ovale Werkbank. Der Vorteil: Die Mitarbeiter können auch im Sitzen nach den Schrauben greifen.

Ein Diabetiker profitiert von der eigens konstruierten Werkbank

Ein halbes Jahr lang testeten die Nutzer die Bank und regten Verbesserungen an. „Die Kollegen haben so ihren eigenen Arbeitsplatz geschaffen“, sagt Sattler. „Das hat alle motiviert, und die Akzeptanz ist hoch.“

Nun teilen sich mehrere Mitarbeiter die Werkbank, darunter der 55-jährige Rudolf Kellermann. Als Diabetiker hat er seinen Blutzuckerspiegel stets im Blick. Körperlich schwere Arbeit kann sich darauf negativ auswirken. „Der neue Platz erleichtert das Arbeiten, das hilft“, sagt Ellermann.

Auch wenn solche Beispiele zeigen, dass Inklusion gelingt, gilt das Prinzip „Vorbeugen ist besser als Heilen.“ Viele Firmen engagieren sich in der Gesundheitsvorsorge, damit Krankheiten, die zu Behinderungen führen können, gar nicht entstehen. Die bayerischen Arbeitgeberverbände bayme und vbm unterstützen die Metall- und Elektro-Unternehmen mit Präventionsprojekten wie „demografie(me)“, „Psyche und Arbeitswelt“ sowie „gesund(me)“.

Übrigens: ZF in Passau gibt auch Schulabgängern mit Handicap eine Chance. Seit 2015 bildet das Unternehmen einen jungen Mann mit schwerer Atemwegserkrankung zum Zerspanungsmechaniker aus. Für den Ausbildungsstart 2016 hat ZF ebenfalls einen Vertrag mit einem Schwerbehinderten geschlossen.

Schwerbehinderung: Ein Blick in die Statistik

  • In Bayern lebten im Jahr 2015 insgesamt 1,1 Millionen Menschen mit einer amtlich anerkannten Schwerbehinderung. Fast die Hälfte davon ist im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren.
  • Nur 60.000 dieser Menschen haben ein angeborenes Leiden (viele Blinde oder Gehörlose). Bei 30.000 Betroffenen ist die Schwerbehinderung durch einen Unfall entstanden.
  • Das Versorgungsamt legt den Grad der Behinderung aufgrund ärztlicher Gutachten fest. Ab einem Grad von 50 spricht man von Schwerbehinderung. Das kann auch eine Krebserkrankung, Asthma oder Diabetes sein.
  • Die häufigsten Behinderungen betreffen die inneren Organe wie Herz, Lunge und Nieren, den Bewegungsapparat (Skelett, Muskeln, Gelenke) oder die Psyche.

Interview

Petra Winkelmann, Rehadat-Projektleiterin in Köln. Foto: Straßmeier
Petra Winkelmann, Rehadat-Projektleiterin in Köln. Foto: Straßmeier

„Offen mit Schwächen umgehen“

Eine Behinderung muss nicht das Aus im Job bedeuten, weiß Petra Winkelmann, Rehadat-Projektleiterin in Köln. Die Plattform von Regierung und Wirtschaft informiert über berufliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung.

Wenn jemand eine Behinderung bekommt: Was kann der Betroffene tun, um weiter zu arbeiten?

Viele Unternehmen suchen mit dem Mitarbeiter eine Lösung. Wichtig ist Offenheit von beiden Seiten. Der Betroffene sollte klarstellen, dass er Unterstützung benötigt. Das hilft, die Lage realistisch einzuschätzen und Maßnahmen einzuleiten.

Das klingt einfach. Doch inwiefern entspricht das der Realität?

Viele Beispiele zeigen, dass es klappt. Aber es gibt auch ernst zu nehmende Ängste. Betriebe fürchten bürokratische Hürden, können Krankheitsverläufe schlecht einschätzen oder wissen nicht, wie Teams auf Kollegen mit Behinderung reagieren. Schwierig wird es besonders bei psychischen Krankheiten, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind und somit als unkalkulierbar gelten.

Wie begegnen Sie solchen Ängsten?

Der erste Schritt ist Aufklärung. Im Internet informieren Plattformen wie unsere über behinderungsgerechte Arbeitsgestaltung, zeigen Praxisbeispiele, nennen Fördermaßnahmen und Beratungsstellen. Trotzdem sollten sich stets die Betroffenen austauschen und Lösungen finden, auch mit Betriebsarzt und Vertrauensperson.

Über Krankheiten zu reden kostet aber Mut …

Das ist richtig. Die Krankheit muss ich aber nicht nennen, nur ihre Auswirkung auf die Arbeit. Hier zahlt sich aus, wenn im Betrieb ein offenes Klima herrscht. Dass sich gemeinsame Lösungen lohnen, zeigt sich daran, dass behinderte Menschen im Job besonders motiviert sind.

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