Aydin Yagbasan holt auf

Inklusion: Wie Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen gelingt

Aichtal. Aydin Yagbasan weiß genau, was er tut: „Ich befestige den Rüttler, der macht den Beton flüssig“, erklärt er und montiert das zylinderförmige Maschinenteil. „Danach muss ich ihn mit der Steckdose verbinden.“

Der junge Mann arbeitet im Finish bei dem Betonpumpen-Hersteller Putzmeister. Hier kriegen die Riesenpumpen den letzten Schliff vor der Auslieferung. Teile, die zum Lackieren entfernt wurden, müssen wieder befestigt werden, Öffnungen werden verschlossen, der Mast geschmiert, Räder nachgezogen.

Das sind die Aufgaben der „Station 1“, an der Yagbasan arbeitet, genau wie seine Kollegen. Und doch gibt es einen Unterschied: Der 33-Jährige kurdischer Herkunft ist schwerbehindert. Sehen kann man es nicht. Und man muss schon genau zuhören, um zu erkennen, dass er etwas langsam spricht.

„Im September bin ich zehn Jahre hier und bin stolz darauf“, sagt er. Stolz ist auch Christof Schnitzler, der Schwerbehinderten-Vertreter im Putzmeister-Werk Aichtal: „Herr Yagbasan ist ein Beispiel für gelungene Inklusion“, sagt er.

Und er ist nicht der Einzige: In Aichtal sind 43 Menschen mit zum Teil schweren Handicaps beschäftigt. Die Arbeitgeberverbände wünschen sich mehr solcher Beispiele. Um es Betrieben zu erleichtern, starteten sie das Projekt „Wirtschaft inklusiv“.

Häufig braucht es diese Unterstützung: „In einem Betrieb mit hohem Anteil an gewerblichen Mitarbeitern ist es nicht so einfach, Menschen mit Einschränkungen zu integrieren“, sagt Uwe Misselbeck, Personalchef des Unternehmens. Denn auch bei Putzmeister sind die Abläufe optimiert, nur so kann am Stammsitz in Aichtal rentabel produziert werden. 800 Mitarbeiter sind hier beschäftigt, davon arbeiten 500 in der Montage der weltbekannten Betonpumpen.

Yagbasan litt als Kind an Epilepsie, hatte bis zu 20 Anfälle pro Tag. Der Wechsel zwischen Klinik und Körperbehinderten-Schule prägte das Leben des Heranwachsenden. Eine Operation vor 15 Jahren konnte ihn zwar von der Epilepsie befreien, doch die Folgen sind bis heute wahrnehmbar.

Nach zwei Praktika bei Putzmeister hat ihn die Firma in der Abteilung Finish angelernt. Für Yagbasan war das ein großer Schritt, raus aus dem geschützten Bereich: „Er bekam zwei Jahre Zeit, statt sechs Monate wie üblich“, erklärt Schnitzler.

Dazu waren Gespräche mit Vorgesetzten und Mitarbeitern notwendig: „Die Arbeitskollegen mussten lernen, seine Einschränkungen zu beachten und zu respektieren“, so Schnitzler. „Die Integration war für beide Seiten eine Herausforderung und gleichzeitig ein Gewinn.“

Inklusion erfordere gemeinsame Anstrengungen, ergänzt Misselbeck: „Das ist ein Prozess, den wir möglichst lang begleiten.“ Die Bereitschaft bei den Unternehmen in Baden-Württemberg ist groß: Bisher haben sich über das Projekt „Wirtschaft inklusiv“ 165 Unternehmen beraten lassen, über 400 Personalverantwortliche besuchten die Info-Veranstaltungen (www.wirtschaft-inklusiv.de).

Yagbasan, inzwischen Vater von fünf kleinen Kindern, ist vertieft in seine Arbeit und sagt: „Am Anfang waren die Kollegen enttäuscht von mir, heute gehöre ich einfach zum Team.“


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